Donnerstag, 21. September 2017
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Auf ein Sechstes!

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Das Warten hat ein Ende: Der sechste Band der Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ ist im Handel erhältlich. Lesen Sie hier das Vorwort. Viel Vergnügen!

Vor etwa einem Jahr lernte ich ein neues Fremdwort kennen: Hexalogie. Es ist Griechisch und bedeutet Sechsteiler. Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich es gelesen habe, aber es gefiel mir und prägte sich mir ein. Vielleicht war es dieses Wort, das mich veranlasste, einen sechsten Band mit Sprachgeschichten zu schreiben. Damit ich auf die Frage „Und? Was hast du so getrieben in der letzten Zeit?“ antworten kann: „Ach, so dies und das: den Keller aufgeräumt, den Garten auf Vordermann gebracht – und eine Hexalogie vollendet.“
Ein anderer Grund ist, dass ich es liebe, zu schreiben und Geschichten zu erzählen. Das war schon immer so. Kaum hatte ich in der Grundschule das Schreiben gelernt, begann ich, Oktavhefte mit selbsterdachten Geschichten zu füllen; anfangs noch in recht eigenwilliger Orthografie. Eine Geschichte fiel mir unlängst wieder in die Hände, sie spielt in Paris, und da ist von zwei Freunden die Rede, die die Champs-Elysées entlangspazieren. Nur hatte ich es mit meinen acht Jahren etwas anders geschrieben, nämlich „Schonseliese“. Ein paar Jahre später, in der fünften Klasse, schrieb ich einen Historienroman, eine abenteuerliche Geschichte von Machtspielen und Verrat mit dem Titel „Die gestohlene Krone“. Meine Mitschüler erhielten darin Rollen als Könige und Fürsten, als Ratgeber, Hofdamen, kühne Ritter oder treue Diener. In der großen Pause las ich das jeweils neueste Kapitel vor, umringt von meinen Klassenkameraden, die darauf brannten zu erfahren, was als Nächstes mit ihnen passierte. Irgendwann begann sich unser Deutschlehrer darüber zu wundern, dass wir nicht wie die anderen auf dem Schulhof tobten, sondern im Klassenzimer blieben, wo einer etwas vorlas und die anderen gespannt zuhörten. Also nahm er mich am Ende einer Pause zur Seite und verlangte das Buch zu sehen, aus dem ich da immer vorlas. Ich wurde rot und erklärte, dass es gar kein richtiges Buch sei, sondern etwas, das ich selbst geschrieben habe. Verlegen reichte ich ihm das Heft, und während er darin blätterte, war ich mir sicher, dass er mich ob meiner kindlichen Fantastereien tadeln würde. Doch er wollte lediglich von mir wissen, ob ich mir das alles selbst ausgedacht habe. Ich bejahte die Frage. Er nickte bedächtig und sagte, das sei bemerkenswert. Zuerst verstand ich nicht, was er damit meinte, doch dann wurde es mir klar, denn er verfügte, dass ich ab sofort nicht mehr in den Pausen daraus vorlesen solle, sondern zu Beginn einer jeden Deutschstunde, wenn alle Schüler auf ihren Plätzen saßen. Damit alle davon profitieren könnten, sagte er. So erhielt ich mit zehn Jahren mein erstes Auditorium. Und eine Ermutigung, die ich nie vergessen werde. Die besten Lehrer sind diejenigen, die ihren Schülern Flügel verleihen.
Dass ich einmal Geschichten und Bücher über die deutsche Sprache schreiben würde, war damals natürlich noch nicht abzusehen. Das ergab sich erst viele Jahre später aus meiner Tätigkeit als Korrekturleser in der Redaktion von „Spiegel Online“. Mit dem reinen Korrigieren mochte ich mich auf Dauer nicht begnügen, und so ging ich dazu über, launige Rundmails an die Kollegen zu schreiben, in denen ich mich über stilistische Fragen ausließ. Hier ein Beispiel vom November 2002:

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Dies brachte meinen damaligen Chef auf die Idee, mich eine Kolumne schreiben zu lassen. So erschien vor zwölf Jahren der erste „Zwiebelfisch“ auf „Spiegel Online“. Anfangs ging es darin ausschließlich um journalistischen Stil, um Phrasendrescherei und Übersetzungspannen. Dass sich der Schwerpunkt der Kolumne mit der Zeit auf Rechtschreibung und Grammatik verlagerte, ist den Lesern zu verdanken, die der sprachliche Wildwuchs im Internet, in der Werbung und im Fernsehen zunehmend befremdete. Ein Thema tauchte dabei immer wieder auf: der Genitiv. Der zweite Fall wurde zu meinem Markenzeichen – auch wenn ich für viele „der mit dem Dativ“ bin.
Freilich lässt sich nicht behaupten, dass sich die Situation des Genitivs in den zwölf Jahren seit Erscheinen der ersten „Zwiebelfisch“-Kolumne zum Besseren gewendet habe. Aus der Sprache vieler Publikationen und Sendungen scheint er heute verschwunden. Selbst einige Lehrer wollen ihn nicht mehr unterrichten.
Auf der Internetseite der „Deutschakademie“, einer privaten Sprachschule, die sich selbst „DeutschAkademie“ schreibt, erfährt man über den Genitiv Folgendes:

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Davon abgesehen, dass der Text irreführende Aussagen enthält (nicht nur Personen, auch Dinge können im Dativ stehen), ist die Behauptung, der Genitiv sei „heute schon nicht mehr üblich“, etwas voreilig. Hätte es geheißen, der Genitiv werde „umgangssprachlich heute seltener gebraucht“, könnte man nicht widersprechen, doch in ihrer generalisierenden Form ist die Behauptung nicht haltbar.

Zwar gibt es heute schon Radiosender, die mit der offiziellen Anweisung arbeiten: „Keinen Genitiv! Das überfordert die Hörer!“ Dabei handelt es sich jedoch nicht um Sender, die das Wort „Info“ oder „Kultur“ im Namen tragen, sondern eher um solche, die etwas mit „Hit“ oder „Antenne“ heißen.

Ich bin mir sicher – dem Dativ zum Trotz: Der Genitiv wird überleben. Nicht in der Umgangssprache, nicht in den Dialekten – dort war er nie zu Hause. Auch nicht in der Sprache der Radiomoderatoren und der Werbetexter. Der Genitiv war nie ein Volksgut, sondern immer ein Bildungsgut.
Zum sechsten Mal wird sich diese Buchreihe seiner Sache annehmen. Nicht um seiner in stiller Trauer zu gedenken, sondern um aus lauter Lust am Schönen und Besonderen des Genitivs lebendig gewahr zu sein.

Ich danke Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, dass Sie meine Arbeit über so viele Jahre mit Interesse und Wohlwollen begleitet haben, mir immer wieder neue Anregungen geliefert und mir die Möglichkeit gegeben haben, das Thema Sprache auf viele verschiedene Weisen zu behandeln: in Geschichten, Bilderbüchern, Bühnenshows, Liedern und Gedichten. Und mit einem Gedicht möge dieses Buch darum auch beginnen. Vorhang auf für den sechsten Teil der Hexalogie von dem Dativ und des Genitivs.

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Ein Kommentar

  1. Lieber Bastian Sick, Sie haben mir viele Stunden der lustvollen Lektüre verschafft und nebenbei habe ich auch noch was gelernt. Was will man mehr? Trotzdem – oder besser: Deshalb! – J. K. Rowling hat es auch auf sieben Bände Harry Potter gebracht, meinen Sie nicht, dass der Genitiv das auch hergibt?
    Viele Grüße aus Niedersachsen!
    Holger Ladwig

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