Samstag, 21. Oktober 2017
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Ein Hoch dem Erdapfel

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FOTO: MEIN 1. GEBURTSTAG 1966

Man kennt sie als Herzogin, im Stanniol-Mantel, als grobe Country-Version, als Pomme Macaire, Gratin, Puffer, Kroketten oder als Pommes Frites – die Kartoffel ist äußerst vielseitig. Deshalb trägt sie auch viele verschiedene Namen. Eine Geschichte über die Geschichte der erstaunlichsten Frucht der Welt.

Zur Feier des vorzeitigen Endes seiner Salat-Diät schleift Henry mich in ein neues Restaurant, das von seinem Gourmet-Führer mit mehreren Sternen und Euro-Symbolen ausgezeichnet worden ist. Die Karte verheißt erlesene Spezialitäten wie „Medaillons von der Kalbslende mit Bries auf Morchelsauce“ und „souffliertes Steinbuttfilet an Trüffel-Kaviarschaum“. „Ich nehme das Putengeschnetzelte“, sage ich zum Ober und füge hinzu: „Wäre es möglich, statt Basmatireis Kartoffeln zu bekommen?“ Der Ober zieht die Augenbrauen hoch, als hätte ich ihn gebeten, mir das Essen in einem Hundenapf zu servieren, und sagt: „Ich werde in der Küche mal nachfragen.“

„Du und die Kartoffel – eine lebenslängliche Liebesgeschichte“, feixt Henry, „ich bin immer wieder aufs Neue gerührt!“ – „Mach dich nur über mich lustig! Kartoffeln sind eine Köstlichkeit! Aus einem mir unverständlichen Grunde sind sie in Verruf geraten, jedenfalls findet man sie auf den Speisekarten der Restaurants immer seltener. Pasta und Reis gibt es in allen erdenklichen Variationen, aber Kartoffeln sind eine echte Rarität geworden.“ – „Sie gelten eben als typisch deutsch“, meint Henry. „Bei Kartoffeln denken viele an die sogenannte bürgerliche Küche, an Kohlrouladen, Saubohnen und dicke Mehlsoße. Das will heute keiner mehr.“ – „Mmh, Kohlrouladen“, seufze ich, „bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Munde zusammen!“
„Soll ich den Ober zurückrufen? Du kannst ihn ja fragen, ob du anstelle der frischen Salatvariation nicht ein paar Kohlblätter bekommen könntest …“ Darauf gehe ich nicht weiter ein und frage Henry stattdessen, ob ihm bekannt ist, woher das Wort ,Kartoffel‘ stammt. Henry schüttelt den Kopf: „Über die Herkunft des Wortes habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich weiß nur, dass die Kartoffel ursprünglich aus Südamerika kommt  und unter Friedrich dem Großen in Deutschland eingeführt wurde.“

Die Kartoffel, eine Verwandte der Tomate und des Paprikas, stammt aus den Anden. Dort wurde sie von den Inkas kultiviert, die sie Papa nannten. Spanische Eroberer brachten sie Mitte des 16. Jahrhunderts nach Europa, wo sie unter dem Namen Patata (einer Entlehnung aus der haitianischen Indianersprache) zunächst als Zierpflanze gezogen wurde.

Es dauerte rund 200 Jahre, ehe man ihren Nährwert erkannte und sie als Nutzpflanze anbaute. Über Spanien und Italien breitete sich die Kartoffel langsam nach Norden aus. Einige Sprachen übernahmen die spanische Bezeichnung Patata; im Englischen zum Beispiel wurde sie zu Potato abgewandelt. Andere Sprachen schufen eigene Namen. Die Italiener hielten die Kartoffel anfangs für eine Art Trüffel und nannten sie daher tartufolo. Unter diesem Namen gelangte das Nachtschattengewächs im 18. Jahrhundert nach Sachsen und Preußen, wo es zu Tartuffel und schließlich Kartoffel eingedeutscht wurde. Im deutschsprachigen Süden gab man ihm den Namen Erdapfel, eine in der Schweiz und in Österreich noch heute übliche Bezeichnung. Auch im Französischen (pomme de terre) und im Niederländischen (aardappel) hat sich der Erdapfel durchgesetzt. Manche aber sahen in der Kartoffel eher eine Birne. Im rheinhessischen und pfälzischen Dialekt wird die Kartoffel Krumbeer, Grumbeer oder Grumbier genannt, was nichts mit krummen Beeren zu tun hat, sondern „Grundbirne“ bedeutet. Dieser Name wurde sogar erfolgreich exportiert: Im Kroatischen heißt die Kartoffel „Krumbier“. Und die Tschechen sagen „Brambora“, das heißt „Brandenburgerin“, da die Kartoffel aus Brandenburg nach Böhmen gelangt war. Ältere Österreicher kennen noch den Begriff „Brambori“ als Bezeichnung für Kartoffeln, die nichts taugen.

Inzwischen hat Henry sich mit großem Appetit über seine „Perlhuhnbrust gefüllt mit Mozzarella an glasierten Kirschtomaten und Maisplätzchen“ hergemacht. „Nun ist Schluss mit dem Brimborium um deine Brambori“, sagt er, „fang endlich an zu essen!“ Ich betrachte glücklich die goldgelben Erdäpfel auf meinem Teller. Möglicherweise aufgrund ihrer rundlichen Form, die mütterliche Assoziationen weckt, und sicherlich auch wegen ihrer besonderen Nahrhaftigkeit wurde die Kartoffel als eine weibliche Frucht angesehen. Dies spiegelt sich nicht nur im Geschlecht des Wortes Kartoffel wider, sondern auch in den Namen, die man den diversen Züchtungen gab: Sieglinde, Bintje, Camilla, Gloria, Linda, Nicola, Rosara oder Selma.

„Von mir aus können wir das nächste Mal in den ,Kartoffelkeller‘ gehen“, schlägt Henry vor. „Da kannst du so viele Kartoffeln essen, wie du magst.“ – „Prima“, sage ich, „das hört sich gut an!“ – „Also abgemacht. Wie wär’s mit Freitag?“ – „Am Freitag habe ich bereits eine Verabredung.“ – „Oh, ich gratuliere! Mit einer festkochenden Linda oder einer mehligkochenden Karlena?“ – „Sie heißt Suzanne und hat zum Glück nichts von einer Kartoffel“, sage ich. „Nicht einmal an den Stellen, wo’s gern ein bisschen mehr sein darf?“, fragt Henry besorgt. Ich lege die Serviette beiseite und entgegne: „Der Gentleman genießt und schweigt.“

 

Regionale Bezeichnungen für die Kartoffel Land/Region
Tartuffel/Kartoffel Sachsen, Preußen

 

Krumbeer/Grumbeer/Grumbier/Krumbiere Rheinhessen, Pfalz

 

Grombiera/Grumbiera

Äbbiera/Ebbiera

 

Schwaben
Podaggn/Potacken/Bodaggen

Ebbien/Äbbjen

Erpfel

Franken
Kartuffel

 

Westfalen
Tüfften Mecklenburg
Nudel Uckermark
Bodabira Oberallgäu
Aper/Aber Oberlausitz
Erdapfel Schweiz, Österreich

 

Krumpan Österreich
Krumbier Kroatien

 

Krumpir Tschechien
Brambora/Brambori Tschechien, Österreich
Iárdappel

Grummpien

 

Rumänien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(c) Bastian Sick 2006


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 3“ erschienen.

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6 Kommentare

  1. Claudia Karner

    Und im Lungau, dem südlichsten Bezirk des Landes Salzburg, heißen die Kartoffeln Eachtling, was so viel wie Erdlinge bedeutet.
    Dort ist auch der Begriff Grumbirn beheimatet.

    Liebe Grüße aus Österreich
    Claudia

  2. Danke für den nahrhaften Artikel. Mich überraschte, dass man in Kroatien und Tschechien Krumbier bzw. Krumpir sagt. Das bestätigt fast meinen Verdacht bezüglich der Wortverwandtschaft zu einer türkischen Spezialität: dem/der Kumpir. Falls Ihnen diese Speise nicht bekannt sein sollte: Es handelt sich dabei um eine in der Glut gegarte Riesenkartoffel, die ausgehöhlt und mit verschiedenen Salaten gefüllt wird. Ich führte die Ähnlichkeit ihres Namens mit der Krummbirne auf einen Zufall zurück, stelle jetzt aber fest, dass es vielleicht doch kein Zufall ist…..

  3. Die umgangssprachliche ungarische Benennung heißt „Krumpli“ 🙂

  4. Erik Van Poucke

    Im Wallonischen sagt man auch ‚krompir‘.

  5. Un op Kölsch heißen sie Tüffelen, auch Tüffelsche. Da gibts oft ….en läääcko Tüffelscheschlood.

    Noch was: Uf sächs’sch heeßen se ooch noch „Apern“ . De „Apernmauke“ is so rischt’sch gemeene for „Kartoffelpüree“ im scheen’n Deitsch.

    Der Bayer nennt sie „Erdäpfe“, sein Püree ist das „Erdäpfe-G’stampfs“ (auch in Tirol).

  6. Im Ostthüringischen heißen Kartoffeln „Ardäppel“ (Erdäpfel) und mit „Arbern“ (Erdbirnen) werden umgangssprachlich die Topinambur bezeichnet.
    Ardäppel sind absolutes Grundnahrungsmittel, nicht zuletzt gebraucht für die legendären Thüringer Klöße, Arbern dagegen trifft man in der Thüringer Küche kaum noch an.
    Man sollte sich auch tunlichst hüten, Ardäppel und Pfaräppel zu verwechseln. Pferdeäpfel gehören einfach nicht in den Kochtopf!
    Verwunderlich nur, dass die thüringer Bezeichnung für Tobinambur (Arbern) im östlichen Nachbarland Sachsen für Kartoffeln (Arpern) verwendet wird (siehe: Lutz Hessen schrieb am 08.07.2014 um 21.47 Uhr „…Uf sächs’sch heeßen se ooch noch „Apern“…“).

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