Mittwoch, 17. Oktober 2018
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Eine sprichwörtlich haarige Angelegenheit

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Allongeperücken, ca. 1715. Gemälde von Nicolas de Largillière. Quelle: Wikipedia

Auch wenn der Mensch im Laufe der Evolution viel von seiner Behaarung eingebüßt hat: Haare sind keinesfalls zur Nebensache geworden. Nicht nur für Frisöre sind sie die Hauptsache. Wie wichtig dem Menschen die Haare sind, zeigt sich nicht nur an der Fülle von Pflegeshampoos im Handel, sondern auch an der Menge von Redewendungen, in denen es sprichwörtlich kräuselt, sprießt, sträubt und zu Berge steht.

Kürzlich musste ich mich in einem Gesellschaftsspiel der Frage stellen: „Was würdest du eher tragen: Vokuhila oder Minipli?“ Na toll! Ich hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass diese Frisuren der letzte Schrei waren. Ich hab’s selbst miterlebt. Was immer Menschen im Laufe der Geschichte mit ihrem Haar angestellt haben: Es hatte immer etwas zu bedeuten. In der Antike trug man es gern lang; bei Frauen galt dies als Schönheitsideal, bei Männern als ein Zeichen von Stärke und Mut. So findet man es schon in der Bibel: Die Philister konnten Simson, den starken Mann des Volkes Israel, erst bezwingen, nachdem Delila ihm im Schlaf das Haupthaar abgesäbelt hatte.

Bei den Germanen war das Abschneiden des Nackenhaares eine Strafe für eine Missetat. Der „geschabte Nacken“ galt über viele Jahrhunderte als Schandmal. Als „Schabernack“ hat er sich bis in die heutige Zeit gehalten, wobei von der einstigen Schande nur noch ein harmloser Streich geblieben ist.

Kahlheit wurde früher als Makel angesehen. Der französische König Ludwig XIII. versteckte sein frühzeitig kahl gewordenes Haupt unter einer Perücke, sein Sohn Ludwig XIV tat es ihm gleich, nur dass seine Perücke ungleich prächtiger war und zum modischen Vorbild für den gesamten europäischen Adel wurde – und zum Statussymbol. Je ausgeprägter das Geltungsbedürfnis, desto aufwendiger die Perücke.

Dass Haare nicht immer so sprießen, wie wir wollen, und auch nicht immer nur dort, wo sie sollen, ist für die einen ein lästiges Ärgernis, für andere ein dankbares Geschäft. Die stetig wachsende Zahl an Waxingsalons beweist, dass der Trend zur dauerhaften Haarentfernung auch bei uns in Deutschland angekommen ist. Manche Menschen haben sogar Haare auf Zähnen. Dies wird jedenfalls einigen besonders couragierten Frauen nachgesagt. Früher hieß es noch „Haare auf der Zunge“ und resultierte aus der Vorstellung, dass eine starke Behaarung Kraft und Durchsetzungsfähigkeit bedeutete. Bei manchen hat sich diese Vorstellung bis heute gehalten. Darum lässt sich Theo Waigel auch nie die Augenbrauen stutzen.

Unzählige Redewendungen ranken sich ums Haar, vom berühmten „Haar in der Suppe“ über die äußerst knappe „Haaresbreite“ bis zur ungalanten Feststellung „Das kannst du dir in die Haare schmieren“. Wer sprichwörtlich angewidert ist, dem „kräuseln sich die Nackenhaare“. Wen das Entsetzen packt, dem „sträuben sich die Haare“, wenn sie ihm nicht gar „zu Berge stehen“. Dass es früher häufig zu Raufereien kam, bei denen man sich gegenseitig Haare ausriss, zeigt sich in Redewendungen wie „sich in die Haare geraten“, „sich in den Haaren liegen“ und „Haare lassen müssen“. Als friedfertig galt hingegen, wer „niemandem ein Haar krümmen“ konnte.

Die Angewohnheit, Menschen nach ihrem Äußeren zu beurteilen, führte zu abwertenden Redensarten wie „krauses Haar, krauser Sinn“, „wirres Haar, wirrer Verstand“ und „lange Haare, kurzer Verstand“. Die letzte galt dem weiblichen Geschlecht, dem der Mann in seiner Selbstherrlichkeit gern unterstellte, nicht klar denken zu können. Das Prinzip der kollektiven Verunglimpfung über das Merkmal der Haare lebt bis heute munter fort, wie man an der großen Zahl von Blondinenwitzen sehen kann.

Meine Großmutter legte noch Wert auf die Unterscheidung zwischen Haaren und Haar. Das Haar in der Einzahl stand für den Wuchs auf dem Kopf, während „die Haare“ den Wuchs unter den Achseln und im Schambereich bezeichneten. Diese feine Unterscheidung ist verloren gegangen, heute lässt man sich „die Haare machen“ und freut sich, wenn es hinterher heißt: „Du hast die Haare schön!“ Mit dem Haar und den Haaren hat man’s nicht immer leicht, das ist vermutlich auch der Grund, weshalb „haarig“ ein anderes Wort für „schwierig“ und „kompliziert“ ist.

Die nächste Frage in dem Gesellschaftsspiel lautete: „Welcher Schauspieler möchtest du sein? Yul Brynner oder Telly Savallas?“ Ob Sie es glauben oder nicht: Die Wahl zwischen diesen beiden kahlen Köpfen wurde für mich zu einer haarigen Angelegenheit! Manche Menschen behaupten ja, meine Texte seien haarspalterisch und meine Beispiele an den Haaren herbeigezogen. Was diesen Text betrifft, so trifft es zu. Haargenau.

Diese Kolumne entstand im Auftrag des Magazins „Myself“


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10 Kommentare

  1. Karl-Rudolf Winkler

    Haare eignen sich auch zur Erklärung der Relativitätstheorie:
    5 Haare auf dem Kopf sind relativ wenig – 5 Haare in der Suppe dagegen relativ viel.

  2. Die gleiche Unterscheidung zwischen Haaren und Haar gibt es angeblich heute noch im Englischen. Ich wurde davor gewarnt, mir beim Friseur die „hairs“ schneiden zu lassen!

  3. Wie ich solche Texte liebe! Sie kommen leicht und elegant daher, nehmen einen in den Arm (und manchmal auch AUF den Arm) und führen einen zum Tanz aufs Parkett der Sprach- und Kulturgeschichte. Plötzlich stolpert man über Witz, gerät vor Lachen kurzzeitig aus dem Takt und stellt am Ende bereichert fest, dass man wieder etwas dagelernt hat. Bitte mehr! Lassen Sie mich weitertanzen!

  4. Hallo Herr Sick,
    ich wünschte, die allgegenwärtige Glatzkopf-Mode würde so langsam wieder in Richtung „Mehr Haar!“ wachsen.
    Ich kann es wirklich nicht mehr sehen, diese Männer mit sinnfreien, hässlich-grauen Glatzen oder aber, noch scheußlicher, Drei-Tage-Glatzen, die nahtlos in ein Drei-Tage-unrasiert-Gesicht übergehen: Überall, im TV und Film, Werbung, Sport, im Alltag – Stacheln statt Haare….

    • Lieber Herr K.! Ich verstehe, was Sie meinen. Stacheln sind nicht jedermanns Sache. Jederfraus schon gar nicht. Leider haben einige Männer gar keine andere Wahl: Wem auf dem Kopf einfach keine Haare mehr wachsen, dem bleibt nur der Kojak-Look. Und eine ehrliche Glatze finde ich immer noch besser als eine mit drei quergekämmten Haaren mehr schlecht als recht kaschierte Tonsur. Einige Auslandskorrespondenten haben recht gruselige Frisuren oder tragen schlecht sitzende Toupets.

  5. Vor zwei Jahren trug ich während und nach einer Chemobehandlung „oben ohne“ – auch in der Öffentlichkeit. Verstecken wollte ich nichts, schon garnicht unter falschen Haaren. Beim „Tresenlesen“ unseres Literaturvereins trug ich mit blankem Kopf (und großem Erfolg) folgendes Gedicht vor:

    Um Haaresbreite

    Wozu, so frag ich, sind Haare denn nütze?
    Zum Wärmen des Kopfes tut‘s Hut oder Mütze.

    Stets ist man verpflichtet, sie peinlichst zu pflegen
    Der Friseur muß sie waschen, schneiden und legen

    Ich spare Zeit, Shampoo, zum Föhnen den Schaum
    Kopf unters Wasser – fertig – ein Traum!

    Es ist auf gar keinen Fall erlogen
    und nicht an den Haaren herbeigezogen,

    daß zumindest in diesem Jahr
    keiner mir kann krümmen ein Haar.

    Daß mir die Haare zu Berge stehen
    Kann auch nicht passieren, das kann jeder sehen

    Nicht einer wird sich mit mir entzweien
    Um ein Haar in der Suppe oder Haarspaltereien.

    Nur eins läßt mich vor Verlegenheit winden
    An mir ist kein gutes Haar zu finden.

    Daraufhin kann ein jeder haarscharf erfassen,
    Ohne Zweifel mußte ich Haare lassen.

    Doch was soll ich mit den haarigen Strähnen?
    Es bleiben mir ja noch die auf den Zähnen.

  6. Lieber Herr Sick,

    heißt es nicht „Federn lassen“ statt „Haare lassen“?

  7. Ich bin Mitglied einer deutsche Gruppe und es ist immer eine besondere Vergnügung, Ihre Artikel zu lesen ebenso wie die traurigen Nachrichten über den Tod des Genitives. Bei uns älteren Studenten an unserem Café-Stammtisch ist Bastian das Licht des Frühlings. Rechtschreiben ist mir viel zu viel Arbeit.
    Danke

  8. Ich hab für einen Jungen auch ziemlich lange Haare mal gehabt, hab die dann auch ab und an mal geglättet, weil mir das viele Volumen nicht so richtig gefallen hat. Aber von Mal zu Mal werden die Haare immer spröder und kaputter und werden mit der Zeit richtig trocken. Musste meine Haare dann am Ende abschneiden, weil sie vom Färben und Glätten so kaputt waren, dass man sie abbrechen konnte. Also wenn man glatte Haare bzw. nicht volumenhaltige Haare haben möchte, sollte man diese lieber ausdünnen lassen… War diese Antwort hilfreich?

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