Donnerstag, 29. Juni 2017
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Von Schwippschwägern, Muhmen und Großcousinen

1987-06-13 Vetterntreffen

Von der Tochter der Cousine der Großmutter bis zu den Kindern des Vetters zweiten Grades: Verwandtschaftsverhältnisse sind oft kompliziert und schwer zu erklären. Das fängt schon bei den Bezeichnungen an: Was genau ist eine Großcousine, wofür steht der Schwippschwager, und was bedeuten die schönen alten Begriffe Muhme und Oheim?

Heute ist es so weit: Henry wird 50, und er feiert in großem Stil. Der ganze Freundeskreis ist eingeladen: Philipp, Maren, Sibylle und ich, dazu eine große Zahl Verwandte, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, die ich größtenteils nicht kenne. »Das ist Annegret«, sagt Henry, als sich eine Frau in unserem Alter mit fröhlich-funkelnden Augen zu uns gesellt, »sie ist meine … äh, warte mal eben … ich glaube Cousine zweiten Grades.« Annegret lacht: »Was soll ich sein? Eine zweitklassige Cousine?« – »Nein, zweiten Grades! Unsere Mütter sind Cousinen, also sind wir Cousin und Cousine zweiten Grades!« – »Ich würde dann ja sagen, sie ist deine Großcousine«, sagt Sibylle. Henry schüttelt den Kopf: »Das Wort Großcousine ist keine offizielle Verwandtschaftsbezeichnung. Großcousine und Großcousin sind umgangssprachlich und in der Bedeutung nicht klar festgelegt. Manche beschreiben damit Verwandte aus der nächst älteren Generation, für andere sind es Verwandte aus derselben Generation, wieder andere nennen so ihre Nichten und Neffen zweiten Grades. Großcousin und Großcousine sind ein Notbehelf, mit dem sich praktisch alles erklären lässt, was im weitesten Sinne zur Familie gehört, ohne dass man den genauen Verwandtschaftsgrad benennen könnte.« Das gibt Sibylle zu denken: »Dann muss ich mir meine eigene Sippe noch mal gründlich vorknöpfen. Da sind nämlich einige dabei, von denen ich bislang dachte, es seien meine Großcousins und Großcousinen. Vielleicht sind die in Wahrheit ganz was anderes: Nichten oder Neffen …« – »Oder womöglich gar nicht richtig mit dir verwandt, sondern nur verschwägert!«, ergänzt Henry. »Genau!«, erwidert Sibylle und nickt. »Der Joseph zum Beispiel, der kam mir immer schon verdächtig vor. Vielleicht ist der gar kein Cousin, sondern bloß ein Schwager!«

»Apropos Schwager,« sagt Henry und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen Herrn mit kugelrundem Bauch und kahler Stirn: »Dieser schneidige junge Mann ist Annegrets Angetrauter.« – »Also dein Schwager zweiten Grades?«, frage ich. Henry muss einen Moment überlegen: »Ich bin mir nicht sicher, ob es bei Schwägern auch Gradstufen gibt. Für mich ist er ein angeheirateter Cousin.« – »Wenn du dich da mal nicht täuschst«, sagt Sibylle kichernd. »Nachher ist er bloß ein Schwipsschwager!« – »Es heißt Schwippschwager,« stellt Henry klar, »ganz nüchtern, ohne Schwips.« – »Weiß ich doch«, sagt Sibylle; »das sollte nur ein Scherz sein!« Dann blickt sie mich an und fragt: »Warum heißt es überhaupt Schwippschwager?« – »Das kommt vom Wort Schwippe, dem biegsamen Ende einer Angelrute oder Reitgerte und bedeutet ›mal so herum betrachtet, mal anders herum‹. Ein Schwippschwager ist der Bruder eines Schwagers oder einer Schwägerin.« – »Also praktisch der wedelnde Schwanz der Familie, in die man eingeheiratet hat«, fügt Henry mit einem Grinsen hinzu.

Dann zupft er mich am Ärmel und sagt: »Es ist Zeit, dass ich dich meiner Muhme vorstelle! Die ist ein großer Fan deiner Bücher und möchte dich unbedingt kennenlernen!« Sibylle verschluckt sich fast: »Wie bitte? Deine Mumie? Hast du das ägyptische Museum geplündert?« Henry erwidert: »Die Muhme ist eine schöne alte Bezeichnung für die Schwester der Mutter.« – »Schwester der Mutter? Das ist doch eine Tante?« – »Stimmt. Aber nicht irgendeine, sondern eine besonders nahe stehende. Die Schwester der Mutter ist die Muhme, und der Bruder der Mutter der Oheim.« – »Und die Geschwister des Vaters? Haben die keine besonderen Namen?«, fragt Sibylle. Henry zuckt die Schultern: »Nein, ich glaube nicht. Das sind einfach Onkel und Tanten.« – »Wusstet ihr, dass wir die Wörter Onkel und Tante erst im 18. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen haben?«, werfe ich ein. »Vorher hießen die Geschwister des Vaters Vettern und Basen.« – »Ach ja, das schöne Wort Base«, seufzt Henry, »das kennt heute auch kaum noch jemand.« – »Höchstens aus dem Chemieunterricht«, fällt Sibylle ein. »Genau!«, sagt Henry; »wie sagte mein Vater immer so schön? Man soll seine Cousine nicht verärgern, denn wenn die Base sauer wird, dann stimmt was nicht mit der Chemie!« Sibylle wendet sich wieder zu mir und fragt: »Ich dachte, Vetter und Base ist dasselbe wie Cousin und Cousine? Wie kann es dann von Onkel und Tante ersetzt worden sein?« – »In früheren Zeiten hatte man keine Bezeichnung für Cousinen und Cousins. Vetter und Base waren, wie gesagt, Bruder und Schwester des Vaters. Für deren Kinder wiederum gab es keine Bezeichnung. Die liefen einfach so mit.« – »Du hast ja sogar deine Ex-Schwiegereltern eingeladen,« stelle ich erstaunt fest. »Nur meinen Eltern zuliebe«, erklärt Henry, »weil die sich mit ihren Gegenschwiegern immer so blendend verstanden haben.« – »Jetzt hör aber auch«, prustet Sibylle, »Gegenschwieger hab ich nun wirklich noch nie gehört. Gibt’s das wirklich?« – »Selbstverständlich! Für die Eltern sind die Schwiegereltern ihres Sohnes oder ihrer Tochter ihre Gegenschwieger.« Und weil Sibylle noch nicht überzeugt scheint, füge ich hinzu: »Du kannst sie auch Mitschwiegereltern nennen. Das klingt etwas verbindender als Gegenschwieger.«

»Ich kann von Glück sagen, dass es in meiner Familie nicht noch kompliziertere Verhältnisse wie Stiefgeschwister aus zweiter Ehe oder Adoptivgroßneffen aus einer urgroßväterlichen Nebenlinie gibt «, seufzt Henry. »Oder so was wie die Halbschwester der angeheirateten Cousine Julius Cäsars«, ergänze ich in Anspielung auf »Asterix«. Am späteren Abend treffen wir Sibylle deutlich angeheitert am Arm eines ebenfalls nicht mehr ganz nüchternen Mannes wieder. »Das ist der Max,« erklärt sie, »und ich habe leider keinen Schimmer, wie der mit dir verwandt ist.« Henry sagt: »Max ist der Ex-Mann meiner Schwägerin Johanna. Er ist also gar nicht mit mir verwandt, sondern mein Schwippschwager. Wenn ich ihn mir allerdings so anschaue, trifft diesmal tatsächlich eher die Bezeichnung Schwipsschwager zu.«

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10 Kommentare

  1. Ich kenne auch den Begriff Cousin / Cousine zweiten Grades, wenn je ein Elternteil dieser Personen Cousin / Cousine sind (man hat demnach ein gemeinsames Urgroßelternpaar). Umgekehrt ist der Cousin / die Cousine eines meiner Elternteile für mich Onkel / Tante zweiten Grades und ich für ihn / sie Neffe zweiten Grades. So kann man das dann auch logisch noch weiterführen. Ich kann alle immer nett damit nerven, wenn ich zu meiner Tochter sage, dass ihre Patentante eigentlich eine Tante dritten Grades von ihr sei (weil meine Frau und diese Patentante Cousinen zweiten Grades sind …).
    Darüber hinaus nenne ich der Logik wegen (und des Spaßes halber) gelegentlich die Tanten und Onkeln meiner Frau (also die Geschwister meiner Schwiegereltern) auch schon mal Schwiegertante oder Schwiegeronkel …

  2. Sehr hübsch, ich versuche auch gelegentlich meinem Freund meine weitläufige Verwandtschaft zu erklären. Er betreibt selbst Familienforschung. Nun hat er was zum Grübeln.

  3. Bei Wikipedia finden sich noch so schöne Ausdrücke wie „Tochtermann“ (habe ich im Elsass schon gehört) und „Eidam“ (kenne ich nur aus Kreuzworträtseln) für den Schwiegersohn oder „Söhnerin“ und „Schnur“ für die Schwiegertochter.

  4. Oben steht:
    „Ein Schwippschwager ist der Bruder eines Schwagers oder einer Schwägerin.“
    Ist das evtl. ein Fehler? Der Bruder meines Schwagers ist doch ebenfalls mein Schwager!

    Sollte es nicht eher heißen?
    „Ein Schwippschwager ist der Ehepartner eines Schwagers oder einer Schwägerin.“

    Aber danke für die vielen neuen Einsichten. :-)

    • Bastian Sick

      Die Geschwister Ihrer Schwäger und Schwägerinnen dürfen Sie gerne ebenfalls als Schwäger und Schwägerinnen bezeichnen. Um zu verdeutlichen, dass Sie mit der Person nicht direkt, sondern „um eine Ecke herum“ verschwägert sind, ist die Bezeichnung Schwippschwager oder Schwippschwägerin deutlicher.

      Der Ehepartner eines Schwagers oder einer Schwägerin ist Ihr Bruder oder Ihre Schwester.

  5. Wie bezeichne ich die Eltern meiner Schwiegertochter bzw. meines Schwiegersohns?
    Sie sind meine …. (als Paar)
    Wie heißt der Mann? Er ist mein …
    Wie heißt die Frau? Sie ist meine …

    Antwort B. Sick:

    Sie sind meine Gegenschwieger – oder MItschwieger(eltern).
    Er ist mein Gegenschwieger, sie ist meine Gegenschwiegerin.

  6. Ortwin Zeitlinger

    Die Bezeichnungen Vetter und Base kenne ich aus Südwest-Deutschland einzig und allein als die älteren Bezeichnungen für Cousin und Cousine. Könnte es sein, dass es da regionale Differenzen gibt?
    Der Schwager ist übrigens als „szwager“ auch ins Polnische eingewandert; die Schwägerin wurde aber als „szwagerka“ doch ein Stückweit polonisiert.
    Immerhin werden im Deutschen und in den meisten anderen europäischen Sprachen Schwieger- und Stiefeltern unterschieden; nicht so jedoch im Französischen: Da sind beide „beaux-parents“.
    Im Schwedischen dagegen wird bei den Großeltern stärker differenziert als im Deutschen: Die beiden Großmütter sind „mormor“ und „farmor“, die beiden Großväter „morfar“ und „farfar“.
    Im Übrigen können wir als Europäer mit unseren Verwandtschaftsbezeichnungen noch froh sein. Anderswo, z.B. in China wird etwa bei Geschwistern noch je nach Stellung in der Geschwisterreihe differenziert.

    • Also ich kenne Base und Vetter ebenso ausschließlich für Cousine und Cousin! Dass das mal für Tante und Onkel gestanden haben soll, erfahre ich hier zum ersten Mal! War das wirklich so?

  7. Hans-Jürgen Suß

    Bei der Vorstellung meiner Verwandtschaft verwende ich meist die Bezeichnungen: Mann meiner Tante u. nicht Onkel bzw. Frau meines Onkels u. nicht Tante. Ähnlich kann man es auch bei anderen Verwandtschaftsverhältnissen tun.

    Hier noch etwas Interessantes zum Thema:
    BGB § 1590: (2) „Die Schwägerschaft dauert fort, auch wenn die Ehe, durch die sie begründet wurde, aufgelöst ist.“
    Somit gibt es eigentlich z. B. keinen Ex-Schwager sondern allenfalls nur einen alten oder neuen Schwager (Nr. 1, 2, 3…).
    (In der DDR endete die Schwägerschaft durch die Auflösung der Ehe; FGB § 80.)

    Bastian Sick: findet das sehr interessant und bedankt sich für diesen Hinweis

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