Mittwoch, 15. August 2018
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Weihnachten mit Schwein und Kaninchen

Weil sie beide allein waren, beschlossen das Schwein und das Kaninchen, in diesem Jahr Weihnachten zusammen zu feiern. „Ich mache uns Möhrenlasagne“, sagte das Kaninchen. Das war ein großartiger Vorschlag, denn Kaninchens Möhrenlasagne war berühmt. „Und ich mache uns einen Punsch mit Fliederbeersaft und Äpfeln“, sagte das Schwein. „Und dazu noch  Grießklöße!“ Mmmh! Das versprach ein leckeres Fest zu werden.

„Du sag mal, Hase“, sagte das Schwein zum Kaninchen, das es immer „Hase“ nannte, weil ihm der Unterschied nicht ganz klar war und ihm das Wort „Kaninchen“ oft nicht einfiel, „wieso heißt es eigentlich Weihnachten?“ – „Es heißt Weihnachten, weil es ein weihevolles Fest ist“, erklärte das Kaninchen. „Weihnachten kommt von Weihe. Es hat nichts mit Wein oder Weinen zu tun, auch wenn viel Wein getrunken wird und mitunter auch geweint wird, weil im Fernsehen immer besonders rührende Filme gezeigt werden.“ – „Nein, das meine ich nicht“, sagte das Schwein. „Ich meine, wieso heißt es WeihnachtEN und nicht einfach Weihnacht? Es heißt doch auch nicht Mittwochnachten oder Donnerstagnachten.“ – „Ach so, das meinst du“, sagte das Kaninchen. „Das ist ein Pluralwort.“ – „Was für ein Wort?“, fragte das Schwein, das nicht ganz folgen konnte. „Ein Pluralwort. Eine Mehrzahlform. Weihnachten ist ein sehr altes Wort, und früher, vor langer Zeit, hieß die Mehrzahl von Nacht nicht Nächte, sondern Nachten. Und es sind ja zwei Feiertage hintereinander, darum wurden aus einer Weihenacht zwei Weihenachten.“ – „Wieso eigentlich zwei?“, fragte das Schwein, „brauchte das Christkind denn zwei Nächte, um auf die Welt zu kommen?“ – „Nein“, sagte das Kaninchen und schmunzelte, „es brauchte natürlich nur eine Nacht. In vielen Ländern wird Weihnachten daher auch nur an einem einzigen Tag gefeiert, nämlich am 25. Dezember.“ – „Und warum sind es bei uns dann zwei?“, wollte das Schwein wissen.

Das Kaninchen erwiderte: „Weil es wie Ostern und Pfingsten ein sogenannter Hoher Feiertag ist, der zwei Tage lang gefeiert wird. Im Mittelalter gab es in manchen Gegenden sogar fünf Weihnachtsfeiertage.“ – „Du lieber Himmel,“, quiekte das Schwein, „fünf Tage fressen und faulenzen und fressen und faulenzen. Das muss himmlisch sein! Wo liegt das, dieses Mittelalter?“ – „Weit, weit weg“, antwortete das Kaninchen.

Das Schwein dachte kurz nach, dann fragte es: „Der Weihnachtsmann kommt aber nur einmal, stimmt’s?“ – „Genau,“ sagte das Kaninchen. „Wenn er überhaupt kommt. Nicht alle glauben an den Weihnachtsmann.“ – „Was?“, rief das Schwein fassungslos, „es gibt welche, die nicht an den Weihnachtsmann glauben? Schön blöd! Wollen die denn keine Geschenke bekommen?“ – „Doch schon“, sagte das Kaninchen, „aber in einigen Gegenden gibt es die Geschenke nicht vom Weihnachtsmann, sondern vom Christkind, und in manchen anderen Ländern gibt es die Geschenke erst am 6. Januar.“ – „Wie gut, dass wir nicht in manchen anderen Ländern leben“, sagte das Schwein. Und dann überlegte es: „Wie soll denn das Christkind Geschenke bringen? Das liegt doch den ganzen Abend über in der Krippe, da kann es doch nicht gleichzeitig im DHL-Laster durch die Lande brausen und Geschenke verteilen!“ – „Eigentlich war es erst jemand anders, der die Geschenke brachte“, sagte das Kaninchen. „Von ihm hat der Weihnachtsmann auch seinen Namen.“ – „Was, der Weihnachtsmann hat einen Namen?“, fragte das Schwein. „Wie heißt er denn? Rudolf?“ Das Kaninchen schüttelte den Kopf: „So heißt eines seiner Rentiere.“ Das Schwein fragte weiter: „Dann vielleicht Rüdiger?“ – „Nein“, sagte das Kaninchen und schüttelte abermals den Kopf. „Warte, jetzt hab ich’s“, rief das Schwein aufgeregt: „Ruprecht! Knecht Ruprecht!“ Wieder schüttelte das Kaninchen den Kopf und sagte: „Knecht Ruprecht hilft beim Verteilen der Geschenke, aber er ist lediglich ein Gehilfe, ein Knecht. Der Weihnachtsmann selbst ist kein Knecht. Ich werde dir verraten, wie er heißt. Der Weihnachtsmann heißt Klaus!“ – „Uiii“, sagte das Schwein mit einem Pfeifen (denn Schweine können sehr gut pfeifen, woher käme sonst die Redewendung Ich glaub, mein Schwein pfeift?), „Klaus – das ist aber ein schöner Name!“ – „Es ist die Kurzform von Nikolaus“, erklärte das Kaninchen. „He, Moment mal“, rief das Schwein, „der Nikolaus ist aber doch der andere, der am 6. Dezember kommt und den Kindern was in den Stiefel steckt. Wieso hat der denselben Namen wie der Weihnachtsmann?“

„Weil sie in Wahrheit ein und dieselbe Person sind“, sagte das Kaninchen. „Was?“, quiekte das Schwein. „Willst du mich verschaukeln? Der Nikolaus und der Weihnachtsmann sind doch nicht dasselbe! Also, das weiß ich nun zufällig ganz genau.“ – „Es ist so“, erklärte das Kaninchen: „Im Mittelalter“ – „Wo Weihnachten fünf Tage dauert!“, ergänzte das Schwein, „Im Mittelalter“, fuhr das Kaninchen unbeirrt fort, „gab es Weihnachten noch keine Geschenke. Geschenke brachte nur der Nikolaus, und der kam bekanntlich schon am 6. Dezember. Nach der Reformation haben die Protestanten beschlossen, dass der Heilige Nikolaus nicht länger verehrt werden sollte, weil man das ganze Brimborium mit den Heiligen für Aberglauben hielt. Auf die Geschenke wollte man natürlich trotzdem nicht verzichten, und darum wurde der Geschenketag vom 6. Dezember auf den 24. Dezember verlegt, auf den Abend der Geburt des Christkindes. Und weil es ja aber der Nikolaus gewesen war, der traditionell die Geschenke brachte, kam Nikolaus also 18 Tage später, nur dass man ihn nicht mehr Nikolaus nannte – denn der war ja nun mal ein katholischer Heilger – sondern eben Weihnachtsmann. In Amerika hat er seinen Namen noch behalten, denn dort heißt der Weihnachtsmann Santa Claus – Heiliger Klaus, also Nikolaus. Im Laufe der Zeit hat man den Weihnachtsmann immer weiter vom Nikolaus entfremdet, die Mitra (so nennt man die Kopfbedeckung der Bischöfe, und Nikolaus war ja ein Bischof) wurde langsam zu einer Zipfelmütze, und er bekam einen Schlitten mit Rentieren und ein Zuhause am Nordpol.“ –„Mensch Hase,“ sagte das Schwein bewundernd, „was du alles weißt! Der Nikolaus und der Weihnachtsmann sind also im Grunde genommen dasselbe? So wie Hase und Kaninchen?“ – „So ungefähr“, sagte das Kaninchen, „wobei Hase und Kaninchen nicht wirklich dasselbe sind. Sie sind nicht einmal das Gleiche.“ – „Da brat mir einer einen Storch“, seufzte das Schwein. „Fehlt nur noch, dass der Osterhase in Wahrheit die Zahnfee ist. Ich glaube, ich brauche noch ein wenig, bis ich das verdaut habe.“

„Apropos verdaut“, sagte das Kaninchen. „Was wollen wir nach dem Essen machen?“ – „Mal überlegen“, sagte das Schwein. „Wir könnten Malefiz spielen! Ich bin super im Rauswerfen!“ – „Wir könnten auch zusammen musizieren“, schlug das Kaninchen vor. „Au ja, prima Idee!“, sagte das Schwein. „Ich bringe meine Quetschkommode mit und wir singen Weihnachtslieder. Alle Jahre wieder, Dschingelbälls … und das Lied mit Owie.“ – „Das Lied mit Owie? Was, bitte, soll das denn sein?“ – „Na, du kennst doch wohl Owie, den Bruder vom Christkind!“ – „Ein Lied über den Bruder des Christkinds?“, fragte das Kaninchen verdutzt. „Davon habe ich ja noch nie gehört!“ – „Aber klar kennst du das“, sagte das Schwein und fing an zu singen: „Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn Owie lacht…“ – „Aber Schwein!“, rief das Kaninichen und hielt sich den Bauch vor Lachen. „Das ist doch kein Name! O wie lacht sind drei Wörter! Das o ist ein gefühlsbetonter, verstärkender Anruf, so wie bei o Herr, o Tannenbaum und o du lieber Augustin. Dieses o wird übrigens ohne h geschrieben, besteht also nur aus einem einzigen Buchstaben und darf daher als das kürzeste Wort unserer Sprache angesehen werden. Viele verwechseln es mit dem Ausruf oh, der mit h geschrieben wird. Doch zwischen Anruf und Ausruf besteht nun mal ein feiner Unterschied. Das oh mit h ist ein Ausruf der Erstaunens, des Bedauerns oder der Ablehung. Es gibt gedruckte Versionen vom Weihnachtslied O du fröhliche, in denen das o mit h  geschrieben wird, noch dazu von einem Komma gefolgt: Oh Komma. Du fröhliche! Das kann man machen, wenn man die Weihnachtszeit für etwas Erschreckendes oder Bedauerliches hält.“ – „Also so was, also so was“, sagte das Schwein. „Der Weihnachtsmann ist in Wahrheit der Nikolaus und das Christkind hat keinen Bruder, der Owie heißt. Ich bin jetzt völlig desirritiert.“ – „Mach dir nichts draus“, sagte das Kaninchen, „wir werden trotzdem wundervolle Weihnachten feiern!“ –

Und das taten sie auch. Sie verputzten die Möhrenlasagne (bei der sich das Kaninchen selbst übertroffen hatte) und die Grießklöße, tranken Punsch und spielten „Malefiz“. Dann packte das Schwein seine Quetschkommode aus und das Kaninchen seine Gitarre, und während sie auf den Weihnachtsmann warteten, spielten und sangen sie aus voller Kehle: „O du fröhliche, o du selige hasenhüpfende Schweinnachtszeit!“

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4 Kommentare

  1. Was für eine schöne Geschichte!
    In unserer Krippe sitzt seit Jahrzehnten in einer Ecke der Owie. Ohne Owie keine Krippe; meine Kinder haben immer zuerst nach Owie gesucht.
    Vorweihnachtliche Grüße

  2. Ute Meißner-Ohl

    Lieber Herr Sick,
    „desirritiert“ ist eine schöne Wortschöpfung. Aber: bei der Parallelbildung „desillusioniert“ lösen sich durch das „des“ die Illusionen auf. Logischerweise müsste so durch das „des“ in Kombination mit „irritiert“ das Schwein nicht mehr irritiert sein. Es ist es aber anscheinend doch noch, denn Hase tröstet es mit: „Mach dir nichts draus…“
    Oder habe ich da etwas falsch verstanden?
    Es grüßt Sie Ute Meißner-Ohl

  3. Für „desirritiert“ stand wohl das Wort „desorientiert“ Pate – da stimmt dann die Logik. Ich habe „desirritiert“ nicht als echte „Wortschöpfung“, sondern als scherzhafte und sinnverdrehende Wortverdrehung verstanden – sozusagen als Beweis der „Desorientierung“ des Schweins … oder etwa doch der des Autors? 😉
    Mit Gruß aus dem Fernen Osten

  4. Man könnte noch ergänzen, dass das Geschenke bringende Christkind sich in manchen Gegenden immer mehr einem Engel annäherte und durch weiß gekleidete mit Schleier verhüllte junge Frauen dargestellt wurde. Es kam auch nicht mit einem Schlitten aus dem hohen Norden, sondern wurde direkt vom Himmel „heruntergeläutet“.

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