Mittwoch, 20. September 2017
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Wofür ist das Semikolon gut?

Semikolon

Es ist das Stiefkind unter den Satzzeichen, oft unterschätzt und verkannt: das Semikolon. Mehr als ein Komma, weniger als ein Punkt. Viele Menschen wissen nicht, was sie damit anfangen sollen, und halten das Semikolon für überflüssig. Sein besonderer Nutzen liegt in etwas, das nicht jedem liegt: in der Differenzierung, der typografischen Auflockerung, der stilistischen Verfeinerung. 

Es ist schon seltsam: Immer wieder wenden sich Menschen an mich mit der Frage, ob die eine oder andere Besonderheit unserer Sprache nicht überflüssig sei und abgeschafft werden solle. Der Genitiv, das Eszett, der Konjunktiv, die Schreibschrift, die Anrede in E-Mails … Vor einiger Zeit wollte die »taz« von mir wissen, ob man eigentlich das Semikolon noch brauche; und wenn ja, wofür?

Die Frage nach Sinn und Notwendigkeit des Semikolons ist keineswegs neu. Schon vor 20 Jahren stellte Wolf Schneider über die Schreibgewohnheiten der damals jungen Generation missbilligend fest: »Fünf der sieben Satzzeichen kommen kaum noch vor oder überhaupt nicht mehr.«

Unter den Satzzeichen ist das Semikolon in etwa das, was unter den Fällen der Genitiv ist: Man muss es nicht unbedingt beherrschen, um über die Runden zu kommen – aber es schadet auch nicht; denn je mehr Möglichkeiten man kennt, desto differenzierter kann man sich ausdrücken.

Die Duden-Definition für das Semikolon lautet: »Satzzeichen, das etwas stärker trennt als ein Komma, aber doch den Zusammenhang eines größeren Satzgefüges verdeutlicht.« Da es nicht jedem Menschen gegeben ist, »im Zusammenhang eines größeren Satzgefüges« zu denken, ist es nicht verwunderlich, dass vom Semikolon nur begrenzt Gebrauch gemacht wird.

Der Name entstand im 15. Jahrhundert als Neubildung aus dem lateinischen »semi« (= »halb«) und dem griechischen Wort »kōlon«, das im engeren Sinn »Körperteil«, im erweiterten Sinn »Satzglied« bedeutet. Schon die alten Griechen kannten das aus Punkt und Komma zusammengesetzte Zeichen, gebrauchten es allerdings in einer völlig anderen Funktion, nämlich als Fragezeichen. Erst die Römer wiesen ihm seine Funktion als aneinanderkettendes Satzzeichen zu. In der Mehrzahl wird das Semikolon zu »Semikola«, was entfernt wie »Cola light« klingt. Das deutsche Wort für das Semikolon ist »Strichpunkt«. Unter diesem Namen ist es vor allem im süddeutschen Sprachraum bekannt.

Das Semikolon kann vor einer ganzen Reihe von Konjunktionen zum Einsatz gelangen, allerdings nur, wenn ein Hauptsatz folgt. Für die Abtrennung eines Nebensatzes ist das Semikolon ungeeignet.

Ich verwende das Semikolon gern vor »denn«. Die Konjunktion »denn« steht oft am Anfang eines neuen Satzes, bildet aber einen logischen Anschluss an den vorangegangenen. Nehmen wir als Beispiel die Sätze »Ich fühle mich so allein« und »Denn du bist nicht da«. Man könnte sie mit einem Punkt trennen:

»Ich fühle mich so allein. Denn du bist nicht da.«

Ein Punkt stellt eine Zäsur dar, eine Pause. Die Stimme geht hinter »allein« nach unten, dadurch erhält die Aussage mehr Gewicht, wirkt schwerer, wenn nicht gar schwermütig. Manchmal ist dies beabsichtigt, dann ist der trennende Punkt ein bewusst gewähltes Stilmittel. Man könnte die beiden Sätze auch einfach mit einem Komma verbinden:

»Ich fühle mich so allein, denn du bist nicht da.«

Dann liest man sie in einem Atemzug, die Satzmelodie beschreibt einen durchgehenden Bogen. Dadurch aber kommt dem Wort »allein« womöglich weniger Gewicht zu, als es verdient.

Trennt man die beiden Sätze mit einem Semikolon, so hat man beides zugleich: einen Einschnitt, der aber nicht zu tief geht, und einen fließenden Übergang, bei dem aber über nichts hinweggelesen wird.

»Ich fühle mich so allein; denn du bist nicht da.«

Hier offenbart sich das eigentliche Wunder des Semikolons: die Möglichkeit zur Differenzierung, zur Verfeinerung. Der Wille zur Verfeinerung setzt freilich ein ausgeprägtes Stilbewusstsein voraus. Das ist schon beim Kochen so: Um eine Soße verfeinern zu können, braucht man einen gut entwickelten Geschmackssinn. Wenn Punkt und Komma das Salz und der Pfeffer sind, dann ist das Semikolon der Estragon im Gewürzregal der Satzzeichen.

Kein Wunder also, dass es vornehmlich in der Literatur zu finden ist. Schriftsteller, Poeten und Liedermacher wissen den Strichpunkt zu schätzen und zu gebrauchen. Der Maler und Dichter Horst Janssen schrieb über das Semikolon: »Es trennt das eine Begehren nicht vom nächsten wie ein Punktum – nicht mal für eine Weile – es tut aber auch nicht so lässig wie ein Komma, das sagen wollte: ich bin noch nicht fertig.«

Thomas Mann setzte es in den »Buddenbrooks« mehr als 760 Mal, das heißt also auf jeder Seite mindestens einmal, häufiger noch als Doppelpunkte. Man findet das Semikolon bei ihm oft vor Sätzen, die ein »aber« enthalten oder mit einem »dann« beginnen:

Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. 

Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. 

Ebenso oft verwendete Thomas Mann das Semikolon, wenn es galt, eine vom Erzähler unterbrochene wörtliche Rede wieder aufzunehmen:

 »Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher Wahnsinn den Ruin herbeiführte …«

Doch nicht nur in der schönen Literatur erfüllt das Semikolon seinen Zweck; auch in Sachtexten kann es sich als hilfreich und nützlich erweisen, zum Beispiel als Unterteilung bei komplexeren Aufzählungen:

sinken, sank, gesunken; stinken, stank, gestunken; trinken, trank, getrunken; aber: hinken, hinkte, gehinkt (nicht: gehunken); blinken, blinkte, geblinkt (nicht: geblunken); winken, winkte, gewinkt.

Da die einzelnen Gruppen hier jeweils Kommas enthalten, wäre ein Komma als Abtrennung zur nächsten Gruppe nicht deutlich genug. Schrägstriche wären ebenfalls möglich, sind aber nicht die erste Wahl, da sie den Text regelrecht zerschneiden. Das Semikolon hingegen erfüllt genau den Zweck, der hier gefragt ist: schärfer trennen, als es ein Komma vermochte, ohne den Lesefluss zu beeinträchtigen.

Doch hat das Semikolon in gebildeten Kreisen nicht nur Freunde. Der US-amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut beispielsweise hielt Semikola für »transvestitische Zwitter ohne die geringste Bedeutung«. Ein Sprachwissenschaftler der Freien Universität Berlin glaubt im Gebrauch des Semikolons gar die Gefahr der sprachlichen Verwässerung zu erkennen. Mit dem Semikolon könne man eine Beziehung zwischen Sätzen herstellen, ohne darüber nachzudenken, worin diese Beziehung bestehe. Dieses Argument lässt sich jedoch mühelos entkräften; denn wer beim Schreiben nicht nachdenkt, käme gar nicht erst auf die Idee, ein Semikolon zu verwenden.

Die jüngere Autorengeneration macht vom Semikolon deutlich weniger Gebrauch als die Literaten des 19. und 20. Jahrhunderts. Das lässt sich nicht nur für das Deutsche feststellen; im Englischen verhält es sich genauso. Wie die »Washington Post« nachgerechnet hat, schüttete Mark Twain in seinem 1876 veröffentlichten Roman »Die Abenteuer des Tom Sawyer« über je 1000 Wörtern neun Semikola aus. 80 Jahre zuvor war Jane Austen in »Sense and Sensibility« (deutsch: »Verstand und Gefühl«) sogar auf 13 Semikola pro 1000 Wörter gekommen. Joanne K. Rowling fand in »Harry Potter und der Stein der Weisen« (1997) für das Semikolon nur noch zweimal pro 1000 Wörter Verwendung, Stephenie Meyer in ihrem 2005 erschienenen »Twilight« (deutsch: »Bis(s) zum Morgengrauen«sogar nur 1,9-mal. Wobei ich keine Ahnung habe, wie 1,9 Semikola aussehen sollen.

Stirbt das Semikolon also aus? Ganz sicher nicht; denn es hat sich längst neue Betätigungsfelder erschlossen, zum Beispiel die Informatik: In verschiedenen Programmiersprachen markiert das Semikolon das Ende eines Befehls. Allein aus diesem Grund kann man ohne Übertreibung behaupten, dass unsere gesamte Kommunikation zusammenbräche, wenn das Semikolon über Nacht verschwände.

Neben dem Fachgebrauch in der Informatik hat sich der Strichpunkt auch in der Alltagsschriftsprache einen festen Platz gesichert, und zwar in einer Funktion, wie Wolf Schneider sie vor 20 Jahren noch nicht erahnen konnte: als Zwinker-Auge in elektronischen Nachrichten. Diese Funktion wird dem Semikolon für mindestens eine weitere Generation das Überleben sichern 😉

(c) Bastian Sick 2015

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Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 6“ erschienen.

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4 Kommentare

  1. Dieser Artikel ist sehr aufschlussreich. Vielen Dank.
    Immerhin kommen darin 15 Semikola vor 😉

  2. Wir haben im Deutschunterricht gelernt -in den dreißiger Jahren-, daß das Semikolon vor denn, nämlich, doch, deshalb steht. Daran werde ich mich auch halten.

  3. Solange es Menschen wie ich gibt, die es exzessiv in ihren Texten verwenden, wird es nicht aussterben. Es sei denn, die Hersteller von Tastaturen entfernen es aus ihrem Repertoire.

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