Freitag, 5. November 2021

Wer hämmert da bei der Nagelprobe?

Das haben wir alle irgendwann schon einmal gelesen: „Regierung vor der Nagelprobe“ oder „Nagelprobe für Rot-Grün“ – und haben uns im Stillen gefragt, was das eigentlich genau bedeuten soll. Der „Zwiebelfisch“ erklärt einen Begriff, der alles andere als „hammerhart“ ist und der auf ein altes Trinkritual zurückgeht.

Frage eines Lesers aus Münster:

Lieber Zwiebelfisch, immer wieder liest man, dass jemand „vor der Nagelprobe“ steht oder dass etwas für jemanden „die Nagelprobe ist“. Woher stammt dieser Ausdruck, und was bedeutet er genau? Hat Nagelprobe überhaupt etwas mit Hammer und Nagel zu tun? 

Antwort des Zwiebelfischs:

Ihre Beobachtung ist richtig: Mitte der neunziger Jahre schoss sie, aus dem Nichts kommend, raketengleich in den milchig-trüben Sprachhimmel der Politiker und eroberte sich einen vorderen Platz unter den Top-100 der beliebtesten Kraftausdrücke in Zeitungsüberschriften: die Nagelprobe.

„Schweriner Koalition steht Nagelprobe bevor“, schrieb das „Handelsblatt“ im Januar, nachdem es seine Leser erst kurz zuvor auf eine „Nagelprobe für die EU-Industriepolitik“ hingewiesen hatte. Die „Berliner Morgenpost“sieht „Olympia als Nagelprobe“ für den deutschen Sport, und im Ausland gibt es sie auch: „Adidas vor US-Nagelprobe“ titelte die „Börsen-Zeitung“.

Man könnte glauben, bei einer Nagelprobe würde geprüft, ob etwas „niet- und nagelfest“ sei. Nagelprobe klingt nach einem Kraftakt, erinnert an „Nägel mit Köpfen machen“ und „den Nagel auf den Kopf treffen“. Doch die semantische Nähe ist purer Zufall. Der Nagel, um den sich alles dreht, ist in Wahrheit ganz bescheiden. Er ist nicht aus Eisen oder Stahl, sondern lediglich aus Horn. Es handelt sich nämlich um den Daumennagel.

Die Nagelprobe geht auf einen sehr alten Trinkbrauch zurück. Zum Beweis, dass man auf jemandes Wohl den Becher auch wirklich bis auf den letzten Tropfen geleert hatte, wurde dieser über dem Daumennagel der linken Hand umgedreht. Das nannte man unter Zechbrüdern „die Nagelprobe machen“. Wenn kein Tropfen auf den Daumennagel fiel, war die Nagelprobe bestanden. Andernfalls musste man es halt noch einmal probieren, mit einem neuen Humpen, selbstverständlich auf Ex.

Außerhalb der Wirtsstuben wurde der Ausdruck „Nagelprobe“ dann zum Synonym für „Prüfstein“ und „Bewährungsprobe“. Dass dieser Begriff gerade in den letzten zehn Jahren eine derartige Popularität erlangte, ist erstaunlich. An mangelnder Alternative kann es nicht liegen. Es gibt genügend andere sinnverwandte Begriffe, die ebenso bildhaft sind und bei denen nicht bloß ein Tropfen auf den Daumennagel fällt:

In Anlehnung an das Schmieden entstand zum Beispiel der Ausdruck „Feuerprobe“: Die Reinheit von Gold wurde geprüft, indem man es ins Feuer hielt. Heute hat jemand „die Feuerprobe bestanden“, wenn er sich zum ersten Mal ohne Hilfe in der Praxis bewährt hat. Spannend geht es auch bei der „Nervenprobe“ zu. Und wann immer das Fortbestehen einer Koalition auf dem Spiel steht, kann man ebenso gut von einer „Zerreißprobe“ sprechen. In unmittelbarer semantischer Nachbarschaft befindet sich der „Härtetest“. Beides Methoden, um die Festigkeit einer Verbindung zu prüfen. Dann gibt es noch die „Probe aufs Exempel“, bei der etwas durch Ausprobieren auf seine Richtigkeit geprüft wird. Und nicht zu vergessen die „Kraftprobe“, bei der zwei Kontrahenten erstmals erkunden, wer von ihnen der Stärkere ist beziehungsweise über mehr Ausdauer verfügt.

(c) Bastian Sick 2004

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