Freitag, 26. Februar 2021
Home / Kolumnen / Zwiebelfisch / Cäsars Kampf gegen die starken Verbier

Cäsars Kampf gegen die starken Verbier

Geschliffen und geschleift, gesendet und gesandt, erschrocken und erschreckt – eine ganze Reihe von Verben kennt zwei verschiedene Konjugationen. Daher besteht chronische Verwechslungsgefahr. Lesen Sie hier die Geschichte, wie Cäsar seinen „Gallischen Krieg“ verhunzte und von einem Sklaven verbessert wurde.

Am Abend nach der siegreichen Schlacht saß Cäsar in seinem Zelt und schrieb beim Schein einer flackernden Kerze an seinem Bericht:

Welch ein triumphaler Sieg! Erst hatten die Römer ihre Widersacher durch die Straßen geschliffen, anschließend hingen sie die leblosen Körper vor den Toren auf. Bei seinem Einzug in die eroberte Stadt hatten die Bewohner dem jungen Cäsar begeistert zugewunken. Jene, die sich ihm zuvor als Spione verdungen hatten, erfuhren nun seine Großzügigkeit. Angesichts des Reichtums an Goldmünzen quellten ihnen die Augen über. Cäsar wandte sein Pferd und ritt hinauf zum Palast. Der Truchsess, von seinen Beratern zum Handeln gedrungen, eilte ihm entgegen, verneigte sich tief und preiste seinen Namen. „Dich hat der Himmel gesendet!“, rief er. Cäsar nickte wohlgesonnen und warf auch ihm ein paar Goldmünzen vor die Füße. Gierig las der Truchsess sie auf. „Das Volk liegt dir zu Füßen, o mächtiger Cäsar! Was sind deine Pläne?“ – Cäsar saugte die würzige Abendluft ein und entgegnete: „Ich werde den Palast erweitern, mit aus Marmor gehauten Säulen, und drum herum einen großen Vergnügungspark anlegen lassen.“ Der Truchsess, dessen Hoffnungen bereits erlöscht waren, fasste neuen Mut: „Welch göttlicher Plan!“, jauchzte er. Nachdem er sich einen Moment besinnt hatte, wendete er ein: „Aber wie stellst du dir das vor? Für einen Park ist weit und breit kein Platz!“ Cäsar trat an die Brüstung, sein Blick gleitete über das Dächermeer, dann sprach er die berühmten Worte: „Reißt die Stadt ab!“ Der Truchsess erblich. Was konnte Cäsar dazu bewegt haben, einen solchen Befehl zu erteilen? Im nächsten Moment aber brach er in Gelächter aus: „Jetzt hast du mich aber erschrocken, o Cäsar! Das war natürlich nur ein Scherz, nicht wahr? Du willst die Stadt doch nicht wirklich niederreißen lassen?“ – „Oh doch, genau das werde ich. Notfalls lege ich selbst Hand dabei an, denn hat es nicht immer gehießen: Ich kam, sah und sägte?“

„Wünscht Ihr noch etwas, Herr?“, unterbrach in diesem Moment die schmeichelnde Stimme des devoten Dieners die Gedanken seines Herrn. „Nein, Servilius, du kannst dich zurückziehen. Ich schreibe nur noch diesen Bericht zu Ende“, sprach Cäsar. „Ach, für Der bellende Gockel, oder wie Euer Buch heißt?“ – „De bello Gallico!“, berichtigte Cäsar mit säuerlicher Miene. „Lasst doch mal sehen, ich lese Eure Ausführungen doch immer so gern!“ Cäsar war zu eitel, um seinem Sklaven diese Bitte zu verwehren. Servilius überflog die Zeilen und schüttelte den Kopf: „Oh weh, oh weh“, jammerte er. „Was ist?“, fragte Cäsar ungeduldig, „gefällt es dir nicht?“ – „Doch, gewiss, aber ich stelle fest: Euer schlimmster Feind sind die starken* Verben!“ – „Wie bitte, wer? Ich kenne die Haeduer und die Sequaner, die Helvetier und die Sueben, auch Belger und Nervier sind mir bekannt, aber von Verbiern habe ich noch nie gehört! Aber ich habe keine Angst vor ihnen, egal, wie stark sie sind. Sag mir, wo sie sich versteckt halten, auf dass ich sie unterwerfe!“ – „In eurem Bericht, Herr!“, erwiderte Servilius. „ich meine Verben, nicht Verbier. In dem, was Ihr geschrieben habt, wimmelt es von falschen Verbformen. Ich konnte nicht weniger als zwanzig davon entdecken!“

„Zwanzig Fehler? In meinem De bello Gallico? Willst du mich zum Narren halten? Das wird dein Verderben!“ – „Niemals fiele es mir ein, mit Euch Scherze treiben zu wollen, Herr“, beteuerte Servilius, „wenn Ihr erlaubt, dann sage ich Euch, wo Ihr ein paar klitzekleine Änderungen vornehmen müsst, dann ist der Bericht tadellos, und die Nachwelt wird Euch für einen der größten Schriftsteller der Antike halten. Man wird Euren Bericht im Schulunterricht lesen und …“ – „Schweig!“, fuhr Cäsar dazwischen, „es reicht!“ – „Aber Ihr wollt doch nicht, dass man sich eines Tages erzählt, der große Cäsar habe zwar die Gallier besiegt, aber an den unregelmäßigen Verben sei er gescheitert. Seht nur mal hier, das transitive Verb ,hängen‘ wird im Imperfekt zu ,gehängt‘, nicht zu ,hing‘.“ – „Transitive Verbier? Ich habe den Rubikon überschritten, das war transitiv!“ – „Ich spreche nicht von Euren Heldentaten, Herr, die sind unbestritten. Ich spreche von transitiven und intransitiven Verben, also Tätigkeitswörtern, die ein Objekt haben können und solchen, die kein Objekt haben. Von manchen Verben gibt es zwei Formen, eine transitive und eine intransitive, sie sind im Präsens gleich, aber sie unterscheiden sich im Imperfekt und im Perfektpartizip.“ Cäsar war zu müde, um sich einen längeren Vortrag seines Sklaven über Grammatik anzuhören. Ungnädig scheuchte er ihn hinaus, blies, bläste oder blos die Kerze aus und liegte, legte oder lag sich schlafen. Die richtige Form war ihm im Moment völlig egal.

Als er am Mittag des nächsten Tages wieder sein Zelt betrat, fand er neben seinem Bericht eine Liste, in welcher Servilius mit sauberer Schrift zwanzig Verbformen verzeichnet hatte, die aus Cäsars gestrigem Eintrag stammten. Sie waren durchgestrichen! Daneben standen zwanzig andere Formen, die unterstrichen waren. Cäsar war außer sich: Welch eine Impertinenz! Dieser Sklave hatte es tatsächlich gewagt, seinen De bello Gallico zu verbessern! Das würde Konsequenzen haben. Und die hatte es auch. Am Abend schrieb Cäsar in seinen Bericht:

„Die, die ihm treu gedient hatten, wurden reich belohnt. Der eine aber, Servilius, der es gewagt hatte, ihn zu verspotten, hatte sein Leben verwirkt. Als er erfuhr, dass er getötet werden sollte, erschreckte er so sehr, dass ihm das Herz stockte und er tot umfiel. Da Cäsar es nicht gewohnt war, einen Befehl zurückzunehmen, wurde der Leichnam des Sklaven mit einem frisch geschleiften Schwert enthauptet, anschließend gerädert und durch die Straßen geschliffen, wie es Cäsars Befehl gewesen war. Bis zum Abend hängte er zur Abschreckung für alle anderen von der Mauer, wo er von der Sonne geblichen wurde.“

Zufrieden lehnte Cäsar sich zurück. Dann nahm er Servilius‘ Liste und übertrug die richtigen Verbformen in seinen Bericht vom Vortag. „Verbier!“, murmelte er verächtlich, „mit euch werde ich fertig, ob regelmäßig oder unregelmäßig! Das wäre ja gelacht! Der große Cäsar ist mit seinem Latein noch lange nicht am Ende!“

 

Haben Sie die zwanzig Fehler in Cäsars Bericht entdeckt? Und die fünf Wiederholungsfehler in seinem Nachtrag? Blättern Sie um und sehen Sie das Vermächtnis des Servilius.

Diese Episode ist selbstverständlich frei erfunden. Über ein eventuelles Problem Cäsars mit unregelmäßigen deutschen Verben ist nichts bekannt. Sein Werk „De bello Gallico“ schrieb er auf Latein, und zwar ohne die Hilfe eines Sklaven.


* Die Einteilung in starke und schwache Verben geht auf Jakob Grimm zurück. Starke Verben verändern ihren Stammlaut (sinken, sank, gesunken), während schwache den Stammlaut behalten (hinken, hinkte, gehinkt). Da diese Einteilung aber einigen Mischformen nicht gerecht wurde, wird heute in der Regel zwischen unregelmäßigen und regelmäßigen Verben unterschieden.

(c) Bastian Sick 2004


HIER finden Sie in alphabetischer Reihenfolge jene 20 unregelmäßigen Verben aufgelistet, die in der „Zwiebelfisch“-Geschichte von Cäsars Kampf gegen die Verbier falsch gebraucht wurden.

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erschienen.

Lesen Sie auch:

Warum ein Mund-Nase-Schutz nicht ausreichend ist

Eine Leserin wollte kürzlich von mir wissen, wieso es »Mund-Nasen-Schutz« heiße. Jeder Mensch habe doch …

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *