Samstag, 26. September 2020
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E-Mail: Re: AW: Re: AW: Re: AW: Anfrage!

Gepriesen sei der Erfinder der Antwort-Funktion! Es steht außer Frage, dass es ungemein praktisch ist, zur Beantwortung einer E-Mail lediglich auf den „Antwort“-Button klicken zu müssen, und schon öffnet sich auf dem Bildschirm eine neue E-Mail-Maske. Der Adressat wird automatisch eingetragen, dem Betreff ist ein „AW:“ (für Antwort) oder ein „Re:“ (für Reply) vorangestellt, man verliert also keine Zeit und kann sofort „in die Tasten hauen“. Manche E-Mails wandern wie Pingpongbälle wieder und wieder zwischen den kommunizierenden Personen hin und her, jedes Mal wird die Betreffzeile um ein „Re:“ oder „AW:“ länger. Leider wird auch der Text der E-Mail jedes Mal länger, weil alle vorangegangenen Hin- und Her-Mails hinten dranhängen. Die meisten E-Mail-Programme sind nämlich so eingerichtet, dass beim Klicken auf die Antwort-Funktion auch der Text der E-Mail, auf die man antworten will, in der Antwortmaske erscheint, je nach Einstellung mit einem „>“-Zeichen am Zeilenanfang versehen. Meistens setzt der Schreibende den Antworttext einfach darüber. Das ist allerdings nicht unbedingt logisch. Denn wir lesen von links nach rechts und von oben nach unten. Die Antwort gehört also unter den Ursprungstext, nicht darüber. Bei der Gelegenheit bietet es sich an, den automatisch kopierten Text (das sogenannte Zitat) auf die Aussage zu verkürzen, auf die man wirklich Bezug nimmt. Kürzen und Löschen gilt im E-Mail-Verkehr keinesfalls als unhöflich, im Gegenteil! Stellen Sie sich vor, Sie kommunizieren mit einem Anbieter, fragen ihn, ob er ein bestimmtes Produkt hat, er schreibt in seiner Antwort „Muss ich mal nachsehen“, Sie schreiben zurück „Okay, tun Sie das, vielen Dank!“, er meldet sich mit „Re: AW: Re: Anfrage“: „Nein, den Artikel habe ich leider nicht vorrätig“, Sie fragen ihn, ob er ihn bestellen könne, er erwidert, das dauere aber mindestens drei Wochen, Sie fragen, ob er Ihnen vielleicht sagen könne, bei wem man dieses Produkt sonst beziehen könne, er schreibt, versuchen Sie es mal bei dem und dem, Sie fragen nach einer Telefonnummer, er schreibt sie Ihnen samt Anschrift und E-Mail-Adresse, Sie klicken erfreut auf „E-Mail drucken“, um sich die Angaben auszudrucken, und der gequälte Drucker braucht vier Minuten und fünf Blatt Papier, um eine einzige E-Mail auszuspucken, die aus rund einem Dutzend miteinander verschmolzener „Re: AW: Re: AW:“-Mails besteht. Fünf Blatt Papier für eine Telefonnummer! Von den Kosten für Druckertinte ganz zu schweigen. Das Erstellen eines Antwortformulars kostet uns nur einen Mausklick, aber es nimmt uns nicht das Nachdenken darüber ab, ob der empfangene Text wirklich nochmal in Gänze mitverschickt werden muss.

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.


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