Freitag, 22. Januar 2021
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Er steht davor, davor, davor – und nicht dahinter

Wann immer ein Minister in Bedrängnis gerät, liest man garantiert irgendwo den Satz: „Der Bundeskanzler stellte sich demonstrativ hinter seinen Minister.“ Ein mutiger Schritt, soll man denken. Doch wäre es nicht viel mutiger gewesen, wenn der Kanzler sich vor seinen Minister gestellt hätte? Der Verdacht liegt nahe, dass die Positionen verwechselt wurden.

Als vor einiger Zeit Korruptionsvorwürfe gegen das Verkehrsministerium erhoben wurden, war in einer Radiomeldung zu hören, Bundeskanzler Gerhard Schröder habe sich „hinter seinen Verkehrsminister gestellt.“ Der Minister war bestimmt sehr dankbar, dass der Kanzler ihn nicht „im Regen stehen lassen“ wollte – doch war die Stellungnahme des Kanzlers wirklich hilfreich? Dort, wo sie erfolgte, also hinter dem Minister. In seinem Rücken.

Schon Rudolf Scharping hat erfahren müssen, was es bedeutet, wenn man mit dem Rücken zum Kanzler steht: „Die Bundesregierung wies die Rücktrittsforderung als unbegründet zurück. Bundeskanzler Gerhard Schröder stellte sich hinter seinen Minister und sagte, in Scharpings Äußerungen sei etwas ,hineingeheimnisst‘ worden, was nicht ,hineinzugeheimnissen‘ sei“, stand 2001 im „Hamburger Abendblatt“ zu lesen. Inzwischen ist Rudolf Scharping längst als Verteidigungsminister abgelöst worden. Der Schutz von hinten hat ihm nicht viel genützt.

Im Zuge der Karstadt-Krise war in der Presse Folgendes zu lesen: „Auch Vorstandschef Christoph Achenbach soll angeblich zur Disposition stehen. Aufsichtsratschef Thomas Middelhoff wies die Gerüchte umgehend zurück und stellte sich demonstrativ hinter Achenbach.“ Damit keine Missverständnisse aufkommen: Weder Gerhard Schröder noch Thomas Middelhoff haben sich in den beschriebenen Fällen ungebührlich verhalten. Es wurde nur falsch darüber berichtet.

Stellen wir uns das doch mal bildlich vor: Bad Segeberg, 2005. Eine Farmerfamilie gerät in einen bösen Indianerhinterhalt. Winnetou und Old Shatterhand kommen den Farmern zu Hilfe und stellen sich demonstrativ hinter sie. Die Indianer lassen sich davon aber nicht beeindrucken und greifen mit lautem Geheul an. Die Farmerfamilie wird von Kugeln durchsiebt, und auf der Flucht ruft Old Shatterhand seinem Blutsbruder zu: „Das wäre um ein Haar ins Auge gegangen! Ein Glück, dass wir uns nicht vor die Leute gestellt haben!“ Ist das etwa der Stoff, aus dem Heldenlegenden gemacht werden? Natürlich nicht. Wenn man eine Person, die angegriffen wird, schützen will, so stellt man sich vor sie. Worin bestünde sonst der Schutz?

Die „WAZ“ schrieb in einem Bericht über das Auf und Ab in der Bezirksliga: „Trainer Thomas Strauch stellte sich hinter sein Team.“ Da fragt man sich doch: Woher wusste die „WAZ“ das? Sie konnte den Trainer doch unmöglich selbst gesehen haben! Wenn er sich wirklich hinter sein Team gestellt hatte, dann war er doch von mindestens elf Männern verdeckt!

Natürlich gibt es die Redewendung „sich hinter jemanden stellen“. Sie ist immer dann richtig am Platz, wenn es um die Beschreibung moralischer Unterstützung geht; meistens wird sie von dem Wort „demonstrativ“ begleitet. Man kann außerdem „jemandem Rückendeckung geben“, „jemandem den Rücken freihalten“ und „jemandem den Rücken/das Rückgrat stärken“. Ferner kann man jemandem „zur Seite springen“, ihm „zur Seite stehen“, und man kann auch „voll und ganz hinter jemandem stehen“, doch all diese Wendungen haben weniger mit Schutz zu tun als mit Unterstützung. Grundsätzlich wird erwartet, dass ein Parteichef sich vor seine Fraktionsmitglieder stellt, wenn diese unter Beschuss geraten, genauso wie ein Vorgesetzter sich vor seine in Bedrängnis geratenen Angestellten zu stellen hat. Es ist ein uraltes Prinzip der Natur: Auch ein Vogel stellt sich immer schützend vor seine Brut, wenn ein Räuber sich dem Nest nähert. Stellte er sich hinter die Brut, fühlte sich der Fuchs geradezu zum Essen gebeten. Wie oft musste Angela Merkel sich demonstrativ vor ihren (inzwischen zurückgetretenen) Fraktionschef Friedrich Merz stellen, wenn der wieder irgendetwas ausgefressen hatte. Hätte sie sich hinter ihn gestellt, könnte von „demonstrativ“ keine Rede sein, denn dann wäre von ihr nicht viel zu sehen gewesen.

Wer sich vor jemanden stellt, der ist bereit, die Gefahr auf sich zu nehmen, den Angriff abzuwehren, die feindlichen Kugeln mit der eigenen (natürlich kugelsicheren) Weste abzufangen. Gerhard Schröder konnte sich ganz gelassen vor seinen Minister stellen, er ging dabei kein Risiko ein; denn erfahrungsgemäß prallen Korruptionsvorwürfe an Bundeskanzlern ab. Es gab also keinen Grund, Schröder nachträglich hinter den Minister zu stellen.

Als der bayerische Ministerpräsident Stoiber bei einer Kundgebung in Berlin mit Eiern beworfen wurde, da hat sich der Berliner Spitzenkandidat der CDU, Frank Steffel, sowohl schützend als auch demonstrativ hinter ihn gestellt. Geschützt hat Steffel sich selbst, instinktiv war er hinter Stoiber in Deckung gegangen, um nicht selbst von den Eiern getroffen zu werden. Und demonstriert hat er damit, dass es ihm an Courage fehlt, wie man sie von einem Mann erwartet, der nach Höherem strebt. Deshalb verlief seine politische Karriere danach alsbald im Sande.

Die Wahl des Stellplatzes will wohlüberlegt sein. „Er steht im Tor“-Sängerin Wencke Myhre wusste, wo ihr Platz war: dahinter*. „Ich schütze meinen Minister“-Kanzler Gerhard Schröder weiß, wo sein Platz ist: davor. Und wer darüber berichtet, der gebe Acht, dass er die Positionen nicht verwechsle.

und zwar Frühling, Sommer, Herbst und Winter

(c) Bastian Sick 2004


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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