Freitag, 3. April 2020
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Dem Wahn Sinn eine Lücke

Party Service, Video Spiele, Grill Imbiss, Garten Center – in der Welt da draußen gibt es alles, was das Herz begehrt. Nur keine Verbindlichkeit mehr. Im Drang nach Internationalität zerfällt unsere Mutter Sprache zusehends in ihre Einzel Teile. Ein Traktat über depperte Leer Zeichen und unerträgliche Wort Spalterei.

Da stehe ich nun in diesem Laden, den man unter normalen Umständen als Stehcafé bezeichnen würde, und starre betroffen auf meinen Milchkaffee. Der Laden selbst nennt sich „Steh Café“, in zwei Wörtern. Steh – gähnende Leere – Café. Ich habe versucht, mir einzureden, dass da früher mal ein Bindestrich war, der heruntergefallen ist. So etwas kommt ja vor. So wie auch Neonbuchstaben von Hotels und Geschäften gelegentlich mal ausfallen und man dann nur noch „OTEL“ oder „OUTIQUE“ liest und rasch weitergeht. Aber da war kein Bindestrich. Das „Steh Café“ ist nie ein „Steh-Café“ gewesen. Den Beweis liefert die Getränkekarte. Was da vor mir auf dem Tisch steht, ist laut Karte nämlich gar kein Milchkaffee, sondern ein „Milch Kaffee“. Dabei wird auf einem kleinen Zettel im Schaufenster sogar noch eine „Tassekaffee“ angeboten.

Ganz offensichtlich hat der Besitzer des Ladens ein Problem mit der Zusammen- und Getrenntschreibung. Und er ist bei weitem nicht der Einzige. Unsere Städte sind gepflastert mit zerrissenen Begriffen wie „Auto Wäsche“, „Kosmetik Studio“ und „Kunden Parkplatz“. Ganz zu schweigen von den neuerdings überall zu findenden „Back Shops“, die ausländischen Touristen immer wieder Rätsel aufgeben: Was soll das sein – ein rückwärtiges Geschäft, ein Hinterladen?

Ursprung dieses Auseinanderschreibungswahns ist die englische Sprache. Für Briten und US-Amerikaner ist es selbstverständlich, dass „service center“, „car wash“ und „book store“ jeweils in zwei Wörtern geschrieben werden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz (und natürlich auch in Liechtenstein, immer vergesse ich Liechtenstein!) gelten andere Regeln als die englischen. Thank God! Doch die Sehnsucht nach internationalem Flair scheint übermächtig. So sägten in den letzten Jahren immer mehr Gewerbetreibende frei nach Wilhelm Busch gar nicht träge mit der Säge – Ritzeratze! – voller Tücke in die Wörter eine Lücke. Dass unsere Sprache vom Verfall bedroht sei, ist eine bekannte Behauptung. Inzwischen scheint sie außerdem vom Zerfall bedroht.

Bereits im November 2002 ereiferte sich ein Kollege im „Spiegel“ über Schilder mit der Aufschrift „Küchen Zentrum“, „Grill Imbiss“ oder „Schuh Markt“. Und wackere Mitstreiter haben im Internet ganze Galerien von „Schreckens Bildern“ zusammengetragen. Die berechtigte Empörung über das „Deppen Leer Zeichen“ vermochte seine Ausbreitung bislang nicht aufzuhalten – im Gegenteil: Inzwischen ist es in sämtliche Bereiche der deutschen Sprache vorgedrungen.

In einer spektakulären Werbeaktion verwandelte die Telekom das Brandenburger Tor vorübergehend in ein „Sport Portal“. Welch eine Tor Heit! Und die Tele Kom befindet sich in großer Gesellschaft: Die Lebensmittelindustrie produziert „Vollkorn Müsli“, „Würfel Zucker“ und „Milch Schokoladen Streusel“. Besonders bunt treibt es ein bekannter Suppenhersteller: Der bietet in seiner „Feinschmecker“-Reihe eine herzhafte „Zwiebel Suppe“ an. Vm selben Hersteller gibt es jedoch eine ganz normal zusammengeschriebene „Tomatensuppe“. Da muss man sich doch fragen, was an der Zwiebel so viel abstoßender ist? Die Verwirrung wird komplett im Angesichte der „Champignoncreme Suppe“. Das ist also keine Cremesuppe mit Champignons, sondern eine Suppe aus Champignoncreme. Ich hätte nicht übel Lust, den Hersteller zu fragen, wie er Champignoncreme produziert.

Derweil bringen Reinigungsmittelhersteller Spülmittel mit „Schnell Trocken Formel“ auf den Markt, im Internet werden „Newsletter Abonnenten“ mit „Gratis Diensten“ umworben, und wer ein neues „Computer Programm“ kauft, der muss heute einem „Endbenutzer Software Lizenz Vertrag“ zustimmen. In der Küche der Zukunft werden „Gefrier Schränke“, „Induktions Herde“ und „Geschirr Spüler“ stehen, in den Wohnzimmern „Stereo Anlagen“ und „TV Geräte“.

Als sich der „Spiegel“ des Themas Windkraft annahm, schwappte eine Flut von E-Mails in das Postfach des „Zwiebelfischs“. Dutzende Leser monierten die Titelzeile des Magazins, die aus zwei Wörtern bestand, die über drei Zeilen verteilt waren: DER WINDMÜHLEN WAHN. Vermutlich aus grafischen Gründen hatte man auf den Trennstrich hinter „Windmühlen“ verzichtet. Diese Schreibweise ließ allerdings auch eine völlig andere Deutung zu – nämlich eine als Drei-Wort-Gebilde: Der Windmühlen Wahn, also eine Geschichte über wahnsinnig gewordene Windkrafträder. Ebenfalls zu unterschiedlichen Deutungen kann die Verheißung „24 Monate ohne Grund Gebühr“ führen, wie sie im Werbeprospekt eines Onlinedienstes zu finden war. Warum sollte ich mich auf einen Anbieter einlassen, der grundlos Gebühren erhebt? Da bleibe ich doch lieber bei meinem alten Vertrag, bei dem weiß ich wenigstens, aus welchem Grund ich Gebühren zahle!

In der IT-Branche hat die deutsche Grammatik bekanntlich einen besonders schweren Stand. Schreibweisen wie „Web Seiten“, „Standard Schnittstellen“, „Kunden Portal“ und „IT Sicherheit“ sind dort so häufig wie BIIIEP-Töne in sprachlich entgleisten Nachmittagstalkshows. Der Bindestrich wurde stillschweigend abgeschafft, scheint es. Immerhin wies ihm die „IT Branche“ eine neue Betätigung zu; dafür musste er allerdings einer Umbenennung zustimmen: Unter dem seltsamen Namen „Minus“ fristet er nun ein Dasein als grafische Auflockerung in Internet- und E-Mail-Adressen: „Sie erreichen mich unter Peter minus Schmidt ät Bayern minus international Punkt dee eeh“. Was mag von Bayern übrig bleiben, wenn man „international“ subtrahiert?

Für mein erstes Buch schrieb ich eine Kolumne über den Missbrauch des Bindestrichs, der Wörter wie „Spar-Plan“ und „Tempo-Limit“ zerlegt und das Schriftbild zu einer trostlosen Strich-Landschaft verkommen lässt. Doch angesichts von „Fisch Spezialitäten“ und „Qualität’s Tier Produkten“ tut mir das heute fast Leid. Liebes Divis, bitte verzeih mir! Komm zurück und mach die „City Passage“ wieder zu einer „City-Passage“ und die „Humboldt Universität“ wieder zu einer „Humboldt-Universität“.

Nicht einmal Bildungseinrichtungen bleiben von der Lust zur Lücke verschont. Wenn man unter der Adresse www.kmk.org auf der Seite der „Kultusminister Konferenz“ begrüßt werde, dann, so der Tenor des oben erwähnten „Spiegel“-Artikels, sei man vom „Goethe Institut“ nicht mehr weit entfernt. Eine andere kulturorientierte Einrichtung, der DAAD, präsentiert sich auf ihrer Homepage nicht als Deutscher Akademischer „Austauschdienst“, auch nicht als „Austausch-Dienst“, sondern als „Austausch Dienst“.

Gibt es keinen Ausweg aus dieser Misere? Doch, natürlich! Die stets nach Innovationen forschende Wirtschaft hat einen Weg gefunden, um die hässlich klaffende Lücke zwischen den Wörtern zu schließen. Die Lösung lautet: Zusammenschreibung unter Berücksichtigung der Großschreibung! So wurde aus Daimler und Chrysler eben nicht Daimler & Chrysler oder Daimler-Chrysler, sondern DaimlerChrysler. Und aus Krupp und Thyssen wurde ThyssenKrupp. Hunderte Firmen sind diesem Beispiel gefolgt und haben ihre Namen unter besonderer Missachtung der Grammatik zusammengeklebt. Von den Standesämtern wird diese Schreibweise allerdings noch nicht anerkannt. Die Bundestagsabgeordnete Sigrid Skarpelis-Sperk darf sich auf ihrer Visitenkarte nicht als SkarpelisSperk vorstellen, auch WieczorekZeul und LeutheusserSchnarrenberger sind (noch?) nicht zulässig.

Im Duden suchte man das Wort „Stehcafé“ bis vor kurzem noch vergebens, obwohl es in der deutschen Schildersprache wirklich sehr häufig vorkommt. In der 23. Auflage steht es nun aber, und zwar zusammengeschrieben: Stehcafé. Wenn der unsägliche Trend der Auseinanderschreibung anhält, wird man in einer späteren Auflage vielleicht folgenden erweiterten Eintrag finden:

Ich trinke meinen „Milch Kaffee“ aus, stelle die Tasse bei der „Geschirr Rückgabe“ ab und gehe hinaus auf die Straße. Es schneit. Direkt vor meiner Nase fährt ein Streufahrzeug vorbei. Darauf steht „Winterdienst“ – in einem Wort. Das tut gut! Auf der gegenüberliegenden Straßenseite werden Weihnachtsbäume verkauft, ein Schild verheißt „Nordmann Tannen ab 15 Euro“. Ich schlage den Kragen hoch und mache mich auf den Heim Weg.

(c) Bastian Sick 2004


Fotostrecke: Dem Wahn Sinn ein paar Bei Spiele


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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