Montag, 17. Juni 2019
Home / Kolumnen / Zwiebelfisch / Ist in Deutsch genauso gut wie auf Deutsch?

Ist in Deutsch genauso gut wie auf Deutsch?

Grand-Prix-Hits auf Deutsch_Internetversion800_6y34kFWQ_f.jpg

Wenn das nicht verrückt ist: Allerorten wird über den Zustand der deutschen Sprache diskutiert, werden Vereine und Initiativen zu ihrer Rettung gegründet, sogar ein „internationaler Tag der Muttersprache“ wurde ausgerufen, und wir wissen nicht einmal, ob sich etwas besser in Deutsch oder auf Deutsch anhört. 

Einer meiner Freunde arbeitet für eine Berliner Plattenfirma. Bei unserer jüngsten Begegnung erzählte er mir, dass er gerade eine CD mit deutschsprachigen Versionen alter Grand-Prix-Siegertitel zusammenstelle. Das stimmte mich sentimental, denn die meisten der besagten Lieder kenne ich schon aus meiner Kindheit. Früher war es durchaus üblich, fremdsprachige Hits einzudeutschen. Oft waren es hiesige Sänger, die ein international erfolgreiches Lied mit einem deutschen Text nachsangen; nicht selten aber waren es die Grand-Prix-Gewinner selbst, die ihr Lied in mehreren Sprachen aufnahmen. Selbst die Gruppe Abba hat seinerzeit eine deutschsprachige Version von „Waterloo“ auf den Markt gebracht. Mitte der 80er geriet das Eindeutschen dann allerdings aus der Mode. Der irische Sänger Johnny Logan, der zweimal den Grand Prix gewann, hatte von seinem Siegertitel aus dem Jahr 1980 noch eine deutsche Fassung aufgenommen: „What‘s another year“ wurde zu „Was ist schon ein Jahr“. Als er sieben Jahre später erneut den Grand Prix gewann, diesmal mit dem Lied „Hold me now“, nahm er davon keine deutsche Version mehr auf. Das lag gewiss nicht an ihm, sondern am deutschen Markt, der sich inzwischen so sehr ans Englische gewöhnt hatte, dass deutsche Texte es immer schwerer hatten, sich in der Unterhaltungsmusik zu behaupten.

Die CD sei schon so gut wie fertig, sagte mein Berliner Freund, es fehle nur noch der passende Titel. Und da könne ich ihm doch gleich mal einen Rat geben, denn er sei sich nicht sicher, ob es „Grand-Prix-Hits in Deutsch“ heißen müsse oder „Grand-Prix-Hits auf Deutsch“.

In Deutsch oder auf Deutsch – das ist eine Frage, die in der Tat nicht leicht zu beantworten ist. Doch wenn etwas knifflig ist, ist es nur umso reizvoller, und so habe ich einige Recherchen angestellt. Dabei konnte ich feststellen, dass vielen Menschen die Kombination „in Deutsch“ Unbehagen bereitet. Oft wird die Vermutung geäußert, dass es sich dabei um einen Anglizismus handele, zumal „auf Deutsch“ auf Englisch „in German“ heißt. Einige andere wiederum halten „auf Deutsch“ für die altbackene, volkssprachliche Variante und meinen, „in Deutsch“ sei moderner und zeitgemäßer. An Vermutungen und Meinungen mangelt es nicht, sondern – wie so oft – an klaren Regeln.

Ein Leser aus Ungarn schrieb mir, er habe gelernt, dass die Präposition „in“ bei Sprachen nur dann verwendet würde, wenn eine nähere Bestimmung vorhanden sei, wenn also zwischen „in“ und der jeweiligen Sprache noch ein Zusatz stehe: „in fließendem Französisch“, „in gehobenem Deutsch“ oder „in leicht verständlichem Englisch“.

Damit hatte er insofern Recht, als es immer „in“ heißt, wenn vor der Sprache noch ein näher bestimmendes Wort steht. Man wird also nicht irgendetwas „auf fließendem Französisch“ sagen oder Briefe „auf leicht verständlichem Englisch“ schreiben oder sich „auf gebrochenem Deutsch“ verständigen, sondern allenfalls in demselben.

Nur in einem einzigen Fall steht „auf“ vor einer näher bestimmten Sprache, nämlich wenn es „auf gut Deutsch“ heißt. Hierbei handelt es sich aber um eine feststehende Wendung, die – wie so manches Althergebrachte – zu den Ausnahmen zählt.

Der Umkehrschluss des ungarischen Lesers, dass es ohne eine zusätzliche Bestimmung immer „auf“ heißen müsse, lässt sich jedoch nicht überprüfen. Der Duden mag sich in dieser Frage nicht festlegen und konzentriert sich stattdessen lieber darauf, den Unterschied zwischen großem Deutsch und kleinem deutsch zu erklären.

Man kann indes festhalten, dass in Verbindung mit Verben des Ausdrucks (wie sprechen, schreiben, erzählen, aber auch träumen, denken und singen) die Verwendung von „auf“ üblich ist:

Sag’s auf Deutsch!

Ich schreibe dir auf Deutsch.

Letzte Nacht habe ich auf Spanisch geträumt!

Ich kann dich auf Französisch nicht verstehen.

Er sang immer nur auf Englisch.

„In Deutsch“ ist die Verkürzung von „in deutscher Sprache“. Texte, Bücher, Filme und Lieder können „in Deutsch“ sein, wenn man sich das vollständige „in deutscher Sprache verfasst“ dazudenkt. Ein in deutscher Sprache geschriebenes Theaterstück darf als „ein Stück in Deutsch“ angepriesen werden, weil es „ein in deutscher Sprache geschriebenes Stück“ ist, und wer eine Buchausgabe in englischer Sprache sucht, begeht keinen Fehler, wenn er sich beim Buchhändler erkundigt, ob das Buch auch „in Englisch“ vorrätig sei.

Wie bei vielen Verkürzungen handelt es sich auch bei „in Deutsch“ um eine Modeerscheinung der jüngeren Zeit. In älteren Texten ist die Verkürzung „in Deutsch“ nicht zu finden, da hieß es immer umständlich-vollständig „in deutscher Sprache“. Früher war außerdem noch eine weitere Variante geläufig, nämlich „zu Deutsch“. Formulierungen wie „zu Deutsch gesagt“ oder „das heißt zu Deutsch“ waren noch vor einigen Jahrzehnten durchaus üblich. Inzwischen wird „zu Deutsch“ höchstens noch ironisch verwendet.

Dass die Form „in Deutsch“ an Boden gewinnt, ist durch das englische Vorbild zweifellos begünstigt worden. Dank des Englischen ist die Präposition „in“ bei uns in.

Noch aber ist „auf Deutsch“ vorherrschend. Wenn man die Varianten „in Deutsch“ und „auf Deutsch“ googelt, so erhält man mehr als doppelt so viele Treffer für „auf Deutsch“. Und die meisten der „in Deutsch“-Treffer führen zu Seiten von Schulbuchverlagen, die Titel wie „Besser in Deutsch“ oder „Aufsteigen in Deutsch“ im Programm führen. Hier ist mit „Deutsch“ dann nicht die Sprache, sondern das Schulfach gemeint. Wer „Vorträge in Deutsch“ hält, ist entweder ein Lehrer oder ein Schüler. Wer „Vorträge auf Deutsch“ hält, kann hingegen auch ein Mediziner, Rechtswissenschaftler oder Klimaforscher sein.

Da „auf Deutsch“ den meisten Menschen vertrauter erscheint, habe ich meinem Berliner Freund geraten, die CD „Grand-Prix-Hits auf Deutsch“ zu nennen, umso mehr, als die meisten der Titel aus einer Zeit stammen, als es noch sehr viel selbstverständlicher war, auf Deutsch zu dichten und auf Deutsch zu singen.

Inzwischen ist die CD erschienen, und tatsächlich heißt sie „12 Points – Grand-Prix-Hits auf Deutsch“. Vicky Leandros ist dabei, Marianne Rosenberg und Heidi Brühl. Und selbstverständlich Abba. Auf Deutsch, wohlgemerkt! Über die Qualität der Texte lässt sich streiten, aber das war ja schon immer so. Denn wie schon Goethe schrieb: „Ob sich gleich auf deutsch nichts reimet, reimt der Deutsche dennoch fort.“

Für Matthias und Kai

 

(c) Bastian Sick 2012


Weiteres zur Konkurrenz zwischen „in“ und „auf“: Auf Mallorca/In Mallorca

Kommentare, Ergänzungen, zum Thema passende Erlebnisse? Schreiben Sie dem Zwiebelfisch!


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

Lesen Sie auch:

Neue Kolumne im Mitarbeitermagazin „Kontakt“ der Firma Würth

Die Firma Würth in Künzelsau ist nicht nur ein bedeutendes Handelsunternehmen für Schrauben, sie ist …

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *