Freitag, 18. September 2020
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Meines Onkel(s) Tom(s) Hütte

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Eine Leserin wollte von mir wissen, was aus Onkel Toms berühmter Hütte wird, wenn man davor noch ein weiteres Wort stellt, zum Beispiel das Pronomen »meines«. Wird sie dann zu »meines Onkel Toms Hütte« oder zu »meines Onkels Tom Hütte«? Eine knifflige Frage: Wie viel Genitiv vertragen eine alte Hütte und ihr Besitzer?

Seit Tagen brütete die Hitze und ließ die geringste Bewegung und jegliches Nachdenken zu einer Anstrengung werden. Ich wollte den Computer schon ausschalten, um mich erschöpft in meinen neuen Liegestuhl sinken zu lassen (eine Leihgabe meines Freundes Henry, nachdem mein alter zusammengebrochen war), da sah ich, dass eine neue E-Mail eingetroffen war. Ich hätte es auf einen kühleren Zeitpunkt verschieben können, die Mail zu lesen, aber meine Neugier zwang mich, dies sofort zu tun. Also las ich:

»Lieber Herr Sick, ich bin schon seit langem Fan ihrer Kolumne und natürlich der Buchreihe ›Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod‹ – auch der fünfte Band, den ich soeben ausgelesen habe, hat mir sehr gefallen.« Da hatte sich das Öffnen der Mail doch schon gelohnt, dachte ich erfreut. Aber es ging weiter: »Nun muss ich selbst einmal eine Frage loswerden, die mich schon länger beschäftigt: ›Onkel Toms Hütte‹ ist natürlich ein tadelloser deutscher Genitiv. ›Meines Onkels Hütte‹ ebenso. Man kann selbstverständlich auch sagen: ›Die Hütte meines Onkels Tom‹. Wie aber, wenn ich sowohl Pronomen als auch den ›Onkel‹ und noch dessen Namen voranstellen will? ›Meines Onkels Toms Hütte‹? Oder ›meines Onkel Toms Hütte‹ – so wäre es ja im Englischen (›My uncle Tom’s cabin‹)? Beides klingt für mich etwas holperig – aber das muss sich doch auch im Deutschen grammatisch eindeutig lösen lassen, oder? Vielleicht können Sie mir weiterhelfen!«

Ach, du meine Güte! Das hatte ich nun davon! Statt im Liegestuhl vor mich hinzudösen, saß ich vor meinem Computer und zerbrach mir den Kopf über ein grammatisches Luxusproblem. Luxus deshalb, weil es hier nicht um eine so alltägliche Frage ging wie »Schläft man besser im Liegestuhl oder auf einem Liegestuhl?«, sondern um eine extravagante Häufung von Genitiven, wie sie heute höchstens noch in schwer verdaulicher Literatur zu finden ist.

Aber so etwas reizt mich bekanntlich, also bekämpfte ich die Trägheit meines Geistes und setzte an zum grammatischen Sturm auf Onkel Toms Hütte, um sie zur Hütte meines Onkels Tom zu machen.

Für sich allein bilden die Worte »Onkel« und »Tom« eine Namenseinheit, und diese Einheit braucht nur einmal, nämlich am Ende von »Tom«, mit einem Genitiv-s markiert zu werden. Darum heißt der Roman von Harriet Beecher Stowe »Onkel Toms Hütte« und nicht etwa »Onkels Toms Hütte«.

Aber durch das vorangestellte »meines« wird die Namenseinheit von »Onkel Tom« aufgebrochen und »Onkel« wieder zu einem gewöhnlichen Hauptwort zurückgestuft: »meines Onkels – also des Toms – Hütte« ist tatsächlich »meines Onkels Toms Hütte«. Eine Tür, zwei Fenster, drei Genitivmarkierungen – fertig ist die Laube.

Ebenso wird »die Geburtsstadt meines Freundes Peter« in anderer Satzstellung zu »meines Freundes Peters Geburtsstadt« und »die Amtszeit des Kanzlers Schröder« zu »des Kanzlers Schröders Amtszeit«.

Noch deutlicher wird es, wenn dem Namen ein Beiname folgt, wie bei Kaiser Karl, der oft »der Große« genannt wird. Dessen Gefolge war folgsam und folglich »des Kaisers Karls des Großen folgsames Gefolge«. Gleich fünfmal wird hier der Genitiv markiert, viermal mit »s« und einmal mit »n«. Da behaupte noch mal jemand, der Genitiv sei des Todes!

Allerdings wird er in einer solchen Häufung auch von Puristen als übertrieben und letztlich unschön empfunden, wie alles, was des Guten zu viel ist. Ich empfahl der Leserin daher, es im Fall von Onkel Tom und seiner Hütte dabei zu belassen, den Onkel ans Ende und die Hütte an den Anfang zu stellen: »die Hütte meines Onkels Tom«.

Das Ganze ist zugegebenermaßen recht verzwickt und auch nicht unbedingt mit Logik, sondern eher mit tradierten Gewohnheiten zu erklären. Man kann verstehen, weshalb der Genitiv in den Mundarten nie richtig Fuß gefasst hat und »meines Onkels Toms Hütte« im rheinischen Singsang zu »mingem Ohm Tom sing Hütte« wird. Na schön, das Letzte muss man nicht unbedingt verstehen, aber wie auch immer, ich war zu einem Schluss gelangt und endlich bereit, mich zu ergeben: dem süßen Schlaf auf meines alten Freundes Henrys des Gutherzigen Liegestuhl.

(c) Bastian Sick 2013


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