Donnerstag, 21. Oktober 2021

Neues aus dem Bezirk

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Dass ich langsam älter werde, merke ich unter anderem daran, dass gewisse Neuerungen mich erst mit einer deutlichen Verzögerung erreichen. Zum Beispiel ein neuer städtischer Ordnungsdienst, den es schon seit sechs Jahren gibt. Und so manches neue Wort. Zum Glück ist man nie zu alt, um noch hinzuzulernen.

Meine Nachbarin Frau Jackmann besucht seit Kurzem einen Italienischkurs an der Volkshochschule. „Ich sehe das aber ganz locker“, erklärte sie mir, „nicht so verbissen wie diese Toscana-Pilger. Ich gehe die Sache ganz ruhig an und lerne jeden Tag ein neues Wort. Wenn ich das durchhalte, ist mein Wortschatz im Sommer groß genug, um mir auf Italienisch Schuhe in meiner Größe und einen Cappuccino mit richtiger Schlagsahne zu bestellen.“ Raunend fügte sie hinzu: „Mit ihrem mageren Milchschaum können die mich jagen! Das hat doch nichts mit ,la dutsche vita‘ zu tun.“

Frau Jackmanns Vorsatz ist so löblich, wie ihre sahnesüchtigen Beweggründe verständlich sind. Wenngleich ich keinen Volkshochschulkurs besuche, so kann ich doch behaupten, dass auch ich jeden Tag ein neues Wort lerne. Allerdings handelt es sich dabei nur selten um italienische Wörter. Die meisten neuen Wörter, die ich lerne, sind deutsch. Denn in seiner Muttersprache lernt man wohl nie aus. Ein kluger Mensch hat mal gesagt: „Eine fremde Sprache kann man in sechs Wochen erlernen, für die eigene reicht das Leben nicht.“ Also nutze ich die mir verbleibende Lebenszeit und lerne täglich ein Wort hinzu.

Heute zum Beispiel habe ich ein neues Adjektiv kennengelernt. Das wurde wohl auch höchste Zeit, denn für andere Hamburger ist dieses Adjektiv offenbar längst selbstverständlich. Jedenfalls prangte es in großen Buchstaben auf einem dunkelblauen Fahrzeug der Stadt: „Bezirklicher Ordnungsdienst“ stand dort zu lesen.

Dass man vom Wort „Bezirk“ überhaupt ein Adjektiv bilden kann, war mir gar nicht bewusst. Nicht, dass ich es für ausgeschlossen gehalten hätte, aber ich bin einfach noch nie in die Verlegenheit  geraten, vom Wort Bezirk ein Adjektiv bilden zu müssen. Bislang hatte die Zusammensetzung mit Fugen-s genügt, um alles zu beschreiben, was den Bezirk betraf: Bezirksversammlung, Bezirksamt, Bezirkswahlen. Der Leiter eines Bezirksamtes war immer der Bezirksamtsleiter und nie ein „bezirklicher Amtsleiter“.

Auf der Internetseite der Stadt Hamburg kann man erfahren, dass der Bezirkliche Ordnungsdienst vielerlei Funktionen hat. Seine Hauptaufgabe besteht darin, an der „Entwicklung eines Wohlgefühl-Empfindens“ im jeweiligen Bezirk mitzuwirken. Es handelt sich demnach um eine Art Aushilfspolizei, die die Einhaltung des Maulkorbzwanges von Kampfhunden kontrolliert, Umweltverschmutzern nachstellt und unerlaubte Grillpartys beendet. Der „Bezirkliche Ordnungsdienst“ verfügt über eigene Fahrzeuge, fesche polizeiähnliche Uniformen und eine eigene offizielle Abkürzung: BOD. Laut Wikipedia existiert er bereits seit 2006. Dass er mir erst jetzt aufgefallen ist, spricht für eine überaus diskrete Einsatzweise.

Warum er kein „Bezirksordnungsdienst“ ist, werde ich sicherlich auch noch irgendwann begreifen. Vielleicht haben sich die Erfinder gesagt: „Das Wort Bezirksordnungsdienst passt auf keine Fahrzeugtür, jedenfalls nicht am Stück. Es müsste sowieso immer an irgendeiner Stelle getrennt werden. Da kann man‘s besser gleich in zwei Bestandteile zerlegen.“

Natürlich ist das Wort „bezirklich“ nicht falsch. Die deutsche Sprache ist elastisch genug, um die Bildung eines solchen Adjektivs zuzulassen. Im Duden und im Wahrig ist es gleichermaßen gelistet. Und wenn man es googelt, kann man feststellen, dass es nicht nur bezirkliche Ordnungsdienste gibt, sondern auch bezirkliche Seniorenberatung und bezirkliche Frauenbeauftragte. Zudem hat die Endung „-lich“ über bezirkliche Grenzen hinaus bereits Schule gemacht. Es gibt eine „kreisliche Abfallentsorgung“ und einen „gemeindlichen Vollzugsdienst“. Es ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis wir alle wie selbstverständlich anstelle von Gemeindewahlen und Landesregierungen von „gemeindlichen Wahlen“ und „landlichen Regierungen“ sprechen. Im verwaltlichen Wesen ist mehr möglich, als man kleinlich-allgemeinlich denkt. Das gilt nicht nur deutschlandlich, sondern auch österreichlich: Ein Leser schickte mir ein Foto von einem Schild, das er in der Nähe von Wien gesichtet hatte. Darauf stand „Befristetes jagdliches Sperrgebiet – Betreten verboten“. Bei dem „jagdlichen“ Wiewort handelte es sich vielleicht noch um einen revierlichen Einzelfall, aber man kann nie wissen. Ich bin für alles offen und lerne, wie gesagt, gerne jeden Tag ein neues Wort hinzu.

(c) Bastian Sick 2012


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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