Mittwoch, 13. Oktober 2021

Von Autokorsen, Torwärtern und fiesen Möppen

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In diesem Kapitel begegnen wir märchenhaften Fußballelfen und sagenumwobenen Eiländern. Außerdem treffen wir auf ganz alltägliche Dinge wie Wischmopp, Auspuff und Couch – allerdings in der Mehrzahl. Machen Sie sich auf ein ordentliches Chaos gefasst, am besten gleich auf mehrere Chaoti!

Eine verblüffende Studie hat ergeben, dass Männer sich eher für Fußball interessieren als für Wörter. Nicht umsonst heißt es: Ein Mann, ein Wort. Ein Tor, ein Wart. Aber jedes Spielfeld hat zwei Tore, folglich auch zwei Torw… – nein, Torwärter sind es nicht, auch wenn die Versuchung naheliegt. Die Mehrzahl lautet Torwarte. Das Wort „Torwärter“ gibt es gleichwohl, es bedeutet aber dasselbe wie Torwächter. Ein Torwächter ist wiederum nicht das Gleiche wie ein Torhüter, denn der ist bereits dasselbe wie der Torwart. Wie schon eine alte Erkenntnis besagt: Es hüte sich vor Toresschluss der Torhüter vorm Toresschuss!

Und ist das Spiel erst gewonnen, dann ist der Jubel groß! Dann gibt’s einen Autokorso oder mehr, ja, am besten ganz viele Autokorsos bis tief in die Nacht. „Wenn schon, dann Autokorsi“, mag vielleicht der eine oder andere denken, „schließlich kommt das aus dem Italienischen, so wie Espresso und Cappuccino. Und die werden in der Mehrzahl doch auch zu Espressi und Cappuccini!“ Das stimmt vielleicht, zumindest für die Italiener; im Deutschen wird die Mehrzahl gerne anders gebildet. Da werden Espressi zu Espressos (was erlaubt ist) und Scampi zu Scampis (was falsch ist, da Scampi bereits die Mehrzahlform ist). Mag sein, dass „corso“ im Italienischen zu „corsi“ wird, unser eingedeutschter „Korso“ bekommt einfach nur ein „-s“ angehängt: ein Korso, zwei Korsos – das war’s. Keine Autokorsi und auch keine Autokorsa. Eher ließe ich mir noch einen deutschen Plural auf „-en“ gefallen: Autokorsen. Das klingt doch schön!

Eine Fußballmannschaft wird gerne als Elf bezeichnet, weil sie nun mal aus elf Spielern besteht, Reservebank und Rotkartenausfälle nicht mitgerechnet. Sportberichterstatter lieben dieses Ersatzwort für „Mannschaft“ und sprechen gern von „der Elf“, allerdings immer nur von einer Elf, nie von zweien, obwohl ein Spiel doch aus zweimal elf Spielern besteht. Aber ich habe noch nie den Satz gehört: „In diesem Spiel haben die beiden Elfen wirklich alles gegeben.“ Vielleicht, weil es zu sehr nach einem Märchen klingt.

Nicht nur Elfen und Korsen bringen den europäischen Fußball ins Rollen. Da gibt es auch noch andere Völker, zum Beispiel die Holländer. Oder auch die Niederländer. Mein Freund Edgar ist Niederländer; er kann sich nur schwer daran gewöhnen, dass wir Deutschen von seinem Land stets im Plural sprechen. Viele seiner Sätze begannen mit „Bei uns in Niederland …“ Ich verbesserte ihn: „Im Deutschen heißt es die Niederlande!“ Irgendwann hatte er es dann halbwegs begriffen, denn nun sagte er: „Bei uns in die Niederlande …“

Man spricht von „den Niederlanden“, weil es sich um mehrere Länder handelt. Holland ist übrigens eines davon. Holland ist ein Niederland. Maximal zwei Niederlande, wenn man die Provinzunterteilung in Nordholland und Südholland berücksichtigt. Aber die anderen Niederlande (wie Limburg, Friesland oder Gelderland) sind nicht Holland. Das wird uns Deutsche allerdings nicht davon abhalten, weiterhin Holland mit den gesamten Niederlanden gleichzusetzen, so wie wir für die Franzosen immer die Alemannen sein werden und für die Finnen die Sachsen. Pars pro toto, sagt man wohl dazu, oder, wie meine Freundin Sibylle sagen würde: Pizza proschuto.

Wenn man aus den Niederlanden stammt, ist es schwer einzusehen, warum es dann nicht auch Ostlande oder Südlande gibt, sondern nur Ostländer und Südländer. Und warum die Mehrzahl von „Bundesland“ nicht „Bundeslande“ heißt, sondern „Bundesländer“. Tatsächlich haben sich zu dem Wort „Land“ zwei Mehrzahlformen entwickelt, „Lande“ ist die ältere, „Länder“ die jüngere. „Lande“ findet sich daher nur noch in historisch geprägten Begriffen wie „in teutschen Landen“. Neuere Zusammensetzungen werden mit Ländern und nicht mit Landen gebildet.

Ein schönes altes Wort für „Insel“ ist „Eiland“. Die Mehrzahl lautet „Eilande“. Kolumbus hat also keine Eiländer entdeckt, auch wenn er das Ei erfunden und viele Länder entdeckt haben mag. Die Wörterbücher haben „Eiland“ mit dem Zusatz „poetisch“ (Wahrig), „literarisch“ (Pons) oder „gehoben“ (Duden) versehen. In Analogie zu „Niederlande/Niederländer“ müssten die Bewohner eines Eilandes eigentlich „Eiländer“ genannt werden. Doch bei Eiländern stößt die gehobene literarische Poesie offenbar an ihre Grenzen, denn das Wort taucht in keinem Wörterbuch auf. Meine französische Freundin Suzanne schwört allerdings, das Wort „Eiländer“ zu kennen: „Kennst du nischt diesen Film mit Christopher Lambert: ‚ighlandär – Es kann nur einen geben?“

Und dann gibt es da noch ein Land, von dem sich weder die eine noch die andere Mehrzahl bilden lässt, nämlich das Land als Gegensatz zur Stadt. Mein Onkel lebt auf dem Land; sein Nachbar übrigens auch, das mögen Sie vielleicht nicht einmal erstaunlich finden. Beide wohnen aber nicht auf demselben Land, auch wenn sie zweifellos in demselben Land leben. Sie leben auf dem Land, aber nicht auf demselben, jeder eben auf seinem, was aber nicht verschiedene Lande sind, auch nicht verschiedene Länder, sondern bestenfalls verschiedene Ländereien. Bei der Erklärung dieses Pluralphänomens ist nicht nur Holland in Not, sondern für uns alle sprachlich schnell Land unter!

Bei „Land unter“ muss ich an einen Schulfreund denken, der mal bei einer Landpartie mit seinem Motorrad ins Rutschen geraten und in einer Schlammgrube gelandet ist. „Beide Auspüffe sind im Eimer!“, schimpfte er. Als ich vorsichtig andeutete, dass „Auspuff“ im Plural nicht umgelautet würde, erwiderte er achselzuckend: „Dann eben beide Auspuffs. Ausgewechselt werden müssen sie so oder so!“

Meine Putzfrau schreibt mir immer auf kleine Zettel, welches Putzmittel wieder neu zu besorgen sei. Kürzlich stand auf einem solchen Zettel das Wort „Wischmopp“. Ich ahnte noch nicht, in welche Bedrängnis mich das bringen sollte! Wenige Tage später stand ich im Drogeriemarkt und blickte mich hilfesuchend um. Als ich endlich eine Verkäuferin ausmachte, eilte ich auf sie zu und fragte atemlos: „Entschuldigen Sie, wo finde ich … Haben Sie … Könnten Sie mir zeigen, wo Ihre Wischmoppe … Wischmöpp… äh …“ Die Verkäuferin blickte mich verständnislos an: „Wie bitte?“ Ich winkte verlegen ab: „Vergessen Sie’s, ich komme später noch mal wieder!“ Auf dem Rückweg überlegte ich mir, welche Pluralform wohl die richtige sei: Wischmoppe? Wischmopse? Wischmöppe? Eines konnte ich immerhin ausschließen: Ganz bestimmt hieß es nicht Wischmöpse!

Der Blick ins Wörterbuch brachte Klarheit und zugleich Ernüchterung: Der Wischmopp kommt aus dem Englischen („mop“), und die Mehrzahl lautet ganz einfach „Wischmopps“. Mag der Norddeutsche auch Köppe (= Köpfe) und Knöppe (= Knöpfe) zählen, in seinem Putzmittelschrank findet er keine Möppe. Das kann eher jemandem aus Nordrhein-Westfalen passieren, denn dort kennt man den „fiese Möpp“ (eine regionale Bezeichnung für eine „unangenehme Person“). Und dort weiß man sicherlich auch: Ein „fiese Möpp“ kommt selten allein! Dann sind es schon mal zwei … Möppe? Möppes? Möpper? Auf jeden Fall ganz schön fies, das alles!

Nach so viel anstrengenden Gedanken zum Plural haben wir uns ein Ruhepäuschen auf der Couch verdient, finden Sie nicht? Natürlich nicht auf derselben, sondern auf getrennten Couch… autsch! Das erinnert mich an einen Zwischenfall bei einem Auftritt in Hamburg. Ich stand auf der Bühne des St.-Pauli-Theaters und erzählte gerade etwas von unbequemen Fremdwörtern, da rief mir jemand aus dem Publikum zu: „Wie lautet die Mehrzahl von Couch?“ Das war eine Frage, mit der ich mich bis zu jenem Zeitpunkt noch nicht befasst hatte, die aber durchaus ihre Berechtigung hat – und auf die es, wie so oft, mehr als eine Antwort gibt: Da es sich bei der Couch um ein Fremdwort handelt, wird die Mehrzahl ganz einfach durch Anhängen eines „s“ gebildet: eine Couch, zwei Couchs. So empfiehlt es der Duden. Das Wort „Couchs“ [kautschs] spricht sich allerdings weniger bequem, als man es von Polstermöbeln erwarten sollte. Wer keinen speichelfreien Mund hat, kann damit einen unerquicklichen Sprühregen verursachen. Ein anderes Wörterbuch, der Wahrig, schlägt daher die Pluralform „Couches“ vor und empfiehlt dazu die englische Aussprache mit klingendem Endungs-„s“, also ungefähr „kautschisss“. Wem auch das nicht praktikabel erscheint, dem wird eine dritte Möglichkeit gewiesen. Die „Couch“ hat zu lange in deutschen Wohnzimmern herumgestanden, um noch als exotisches Möbelstück fremdländischer Herkunft angesehen zu werden. Längst wird sie als deutsch empfunden, und entsprechend hat sie sich auch eine deutsche Mehrzahlendung verdient: Die Form „Couchen“ ist daher ebenso zulässig wie „Couchs“ oder „Couches“. Und jede Hausfrau weiß: Auf nagelneuen Couchen ist nicht gut Kissen-Knautschen!

Das alles aber habe ich erst später herausgefunden, lange nachdem mir im Theater die „Couch“-Mehrzahlfrage gestellt worden war. Seinerzeit musste ich mir eine andere Lösung einfallen lassen, um das Thema Couch von der Bühne zu bekommen. Und so riet ich dem Fragesteller: „Sagen Sie doch einfach Sofas!“


*Das Wort „Puff“ gibt es in mehreren Ausführungen. Wenn ein Puff etwas Gepolstertes ist (z. B. ein Wäschepuff oder ein Sitzpuff), lautet die Mehrzahl „Puffe“. Wenn Puff für einen Stoß, einen Knuff oder Schubs steht, dann heißt die Mehrzahl „Püffe“. Wenn mit Puff ein Bordell gemeint ist, lautet die Mehrzahl „Puffs“. Und als Brettspiel kommt Puff ohne Mehrzahl aus. Kein Wunder also, wenn man sich beim Wort „Auspuff“ nicht auskennt. Weiteres zur Geschichte des Wortes „Puff“ im „Dativ“-Band 2. 

© Bastian Sick 2010/2013


 

 

Zweifelhafte Mehrzahlformen
Einzahl korrekte Mehrzahl 

(von führenden Wörterbüchern empfohlen oder als zulässig angegeben)

Nebenformen

(nicht standardsprachlich, zum Teil aber scherzhaft gebräuchlich)

Ananas Ananas, Ananasse Ananässer
Auspuff Auspuffe Auspuffs, Auspüffe
Autokorso Autokorsos Autokorsi, Autokorsen, Autokorsa
Bedarf wird normalerweise nicht im Plural gebraucht; im Wirtschaftsjargon ist jedoch die Form „Bedarfe“ anzutreffen
Chaos es existiert keine Pluralform Chaosse, Chaoti
Couch Couchs, Couchen/schweiz. auch Couches Couche
Denkmal Denkmale, Denkmäler Denkmäle
Eiland Eilande Eiländer
Flussbett Flussbetten Flussbette
Kaktus Kakteen

(in Österreich auch „Kaktusse“)

Kakti
Krokus Krokus, Krokusse Kroken, Krokeen, Kroki
Lapsus Lapsus Lapsusse, Lapsi
Lauch Lauche Läuche
Liegestütz Liegestütze Liegestützen, Liegestützer
Magier Magier Magiere
Milch Milche (fachspr. wird die Form „Milchen“ gebraucht)
Morgen Morgen Morgende
Naturpark Naturparks, seltener: -parke Naturpärke
Nikolaus Nikolausmänner Nikoläuse
Nut Nuten Nute, Nüte, Nuts
Pilger Pilger Pilgerer
Quiz Quiz Quizze, Quizzes
Sopran Soprane Sopräne, Sopranos
Strohhalm Strohhalme Strohhälme
Strommast Strommaste, Strommasten Strommäste
Sucht Suchten, Süchte Suchte
Teelicht Teelichte, Teelichter Teelichten
Wasser Wasser („mit allen Wassern gewaschen sein“)/fachspr. auch Wässer (verschiedene Mineralwässer/Abwässer)
Weltkulturerbe kein Plural (das sächliche Wort „Erbe“ im Sinne von „Hinterlassenschaft“ ist ohne Plural, das männliche Wort „Erbe“ im Sinne von Begünstigter hat den Plural „Erben“) Weltkulturerben
Wischmopp

(alte Rechtschreibung: Wischmop)

Wischmopps

(alte Rechtschreibung: Wischmops)

Wischmoppe, Wischmöppe, Wischmöpper, Wischmopse, Wischmöpse
Zirkus Zirkusse Zirkeen, Zirki
Zuwachs eigentlich ohne Plural; im Wirtschaftsjargon wird jedoch die Form „Zuwächse“ gebraucht

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.


Teil 1 der Kolumne über verrückte Plurale finden Sie hier: Von Läuchen, Milchen und Sänden

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