Donnerstag, 21. Oktober 2021

Willkommen in der Marzipanstadt

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So wie Menschen sich gern mit Titeln schmücken, so tragen auch immer mehr Städte einen Namenszusatz: Messestadt, Universitätsstadt, Festspielstadt. Zur Not tut es auch ein Dom, ein Kaiser oder eine römische Ruine.

Gelegentlich kommt es vor, dass zwei kleinere Ortschaften zu einer größeren vereint werden. Dabei entstehen dann kuriose Doppelnamen wie Hellenhahn-Schellenberg, Billigheim-Ingenheim, Orsingen-Nenzingen oder Peterswald-Löffelscheid.

So etwas geschah auch mit dem schönen Städtchen Wittenberg. Es wurde irgendwann mit einem Ort namens Lutherstadt vereint, und seitdem gibt es den Namen Wittenberg nicht mehr allein. Seitdem ist nur noch von „Lutherstadt Wittenberg“ die Rede. Auf allen Ortsschildern, auf den Tafeln im Bahnhof, auf Ansichtskarten und auch im Internet, überall kann man es so lesen. Wie ich zu meiner Schande gestehen muss, kannte ich bislang nur Wittenberg. Von einem Ort namens Lutherstadt hatte ich zuvor nie gehört. Aber man lernt bekanntlich nie aus.

Wenn Sie jetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen: „Das darf ja wohl nicht wahr sein, der will mich wohl veräppeln – Lutherstadt ist doch nur ein Beiname für eine Stadt, in welcher der Reformator Martin Luther gewirkt hat!“, dann seien Sie beruhigt – das ist mir schon klar. Aber vielen anderen, gerade jüngeren Menschen ist dies nicht klar – denn bei der Hartnäckigkeit, mit der von „Lutherstadt Wittenberg“ gesprochen und dabei der Artikel weggelassen wird, bleiben Missverständnisse nicht aus. Selbst der Zugführer im ICE spricht es wie einen Doppelnamen aus: „In wenigen Minuten erreichen wir Lutherstadt Wittenberg.“ Wenn er sagte „In wenigen Minuten erreichen wir die Lutherstadt Wittenberg“, dann wäre die Sache klar. Doch so klingt es irritierend. Ich komme ja auch nicht „aus Hansestadt Hamburg“, sondern allenfalls aus der Hansestadt Hamburg. Aber meistens genügt mir ein schlichtes „Ich komme aus Hamburg“. Wittenberg ist übrigens nicht die einzige Stadt, die sich mit dem Namen des Reformators Martin Luther schmückt, auch Eisleben nennt sich Lutherstadt. Dem „Bund der Lutherstädte“ gehören insgesamt sogar nicht weniger als 15 Städte an.

Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn eine Stadt sich ihrer Geschichte und ihrer berühmten Söhne und Töchter besinnt und diese stolz nach außen kehrt. Bedenklich wird es nur, wenn der Name der Stadt hinter dem Beinamen verblasst.

Zwischen 1953 und 1990 hieß die sächsische Stadt Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Nicht etwa „Karl-Marx-Stadt Chemnitz“, so wie „Lutherstadt Wittenberg“, sondern nur Karl-Marx-Stadt. Der Name „Chemnitz“ war abgeschafft worden. Während der Wende beschlossen die Chemnitzer dann, ihre Stadt wieder umzubenennen. Sie hatten ohnehin nie „Karl-Marx-Stadt“ gesagt, sondern eher etwas in der Art wie „Gorl-Morks-Stott“. Der Name Karl Marx war also wieder frei. Eigentlich hätte sich daraufhin seine Geburtsstadt Trier den Beinamen „Karl-Marx-Stadt“ zulegen können, aber die nennt sich lieber Römerstadt oder Kaiserstadt. Kaiserstädte gibt es allerdings mehrere, Domstädte erst recht, und die Zahl der Messestädte und Universitätsstädte ist kaum noch zu überblicken. Auch Rosenstädte, Gartenstädte, Bierstädte und Weinstädte gibt es zuhauf, und selbst Filmstädte und Chemiestädte finden sich mehrfach auf der deutschen Landkarte.

Glücklich, wer da mit einem Prädikat werben kann, das einzigartig ist. So wie die „Leineweberstadt Bielefeld“ oder die „Rattenfängerstadt Hameln“. Auf einer meiner Lesereisen durchs wilde Westfalen hielt der Zug in einem Ort namens Bünde, der sich, wie ich dem Hinweisschild auf dem Bahnsteig entnehmen konnte, „Zigarrenstadt“ nennt. So erfährt der Reisende, dass dieser Ort weit mehr ist als nur ein „Mittelzentrum“, das „Versorgungsfunktionen für einen überörtlichen Raum“ erfüllt, wie es im Landesentwicklungsplan Nordrhein-Westfalens über Bünde heißt.

Wer nicht mit einem berühmten Dichter oder Komponisten aufwarten kann, bedient sich halt bei den Bösewichten und Schelmen, so wie die „Störtebekerstadt Ralswiek“ und die „Eulenspiegelstadt Mölln“.

Berlin ist nicht nur die bevölkerungsreichste Stadt Deutschlands, sondern mit mehr als 100.000 registrierten Haushunden auch die Stadt mit dem größten Hundebestand. Darauf scheint man aber nicht besonders stolz zu sein, jedenfalls sind Hinweise auf die „Hundestadt Berlin“ nur spärlich gesät. Die schöne Stadt Bonn, ehemals bekannt als Bundeshauptstadt ohne nennenswertes Nachtleben, darf sich seit dem Umzug der Bundesregierung immerhin noch „Bundesstadt“ nennen. Und seit vor wenigen Jahren die Vereinten Nationen in Bonn ansässig geworden sind, ist Bonn auch UN-Stadt. Man muss beim Schreiben nur darauf achten, dass die automatische Rechtschreibkorrektur den zweiten Großbuchstaben nicht in einen kleinen verwandelt, denn dann gerät Bonn zur Un-Stadt.

Einigen Städten scheint ein einzelner Zusatz längst nicht mehr zu reichen. Bayreuth mag sich nicht damit begnügen, nur mit Richard Wagner assoziiert zu werden. Die Stadt nennt sich „Festspiel- und Universitätsstadt“. Obwohl es fairerweise „Festspiel- oder Universitätsstadt“ heißen müsste, denn die Chancen, an Festspielkarten zu gelangen, stehen für Studenten ziemlich schlecht.

Namenszusätze machen eine Stadt aber nicht unbedingt bedeutender, in der Fülle lassen sie sogar auf eine Profilneurose schließen. Ein schlichtes „Willkommen in Gießen“ oder „Willkommen in Tübingen“ lässt dem Besucher noch ein paar Illusionen, es regt seine Fantasie an und macht ihn womöglich neugierig, diese Stadt zu entdecken, die sich so selbstbewusst und unprätentiös präsentiert. Wenn er aber mit den Worten „Willkommen in der Messe- und Universitätsstadt“ empfangen wird, hat er bereits am Bahnhof die Gewissheit, in der Provinz angekommen zu sein.

Der Trend zur Namensverlängerung ist allerdings kaum noch aufzuhalten. Vielleicht werde ich in nicht allzu ferner Zukunft am Bahnhof meiner Geburtsstadt Lübeck von einer  Lautsprecherstimme mit den Worten begrüßt: „Willkommen in der Hanse-, Mann- und Marzipanstadt Lübeck!“ Dann kann ich eigentlich gleich sitzenbleiben und durchfahren bis zur „Förde-, Landeshaupt- und Universitätsstadt Kiel.

Eine Auswahl deutscher Städte mit bemerkenswerten Beinamen

(offiziellen und inoffiziellen)

Altenburg (Thüringen) Skatstadt
Bad Säckingen (Baden-Württemberg) Trompeterstadt
Bautzen (Sachsen) Senfstadt
Beckum (NRW) Zementstadt
Beelitz (Brandenburg) Spargelstadt
Bielefeld (NRW) Leineweberstadt
Bonn (NRW) Bundesstadt, UN-Stadt
Bremen Stadtmusikantenstadt
Bünde (NRW) Zigarrenstadt
Döbeln (Sachsen) Stiefelstadt
Essen (NRW) Einkaufsstadt
Geldern (NRW) Landlebenstadt
Gifhorn (Niedersachsen) Zickenstadt
Glashütte (Sachsen) Uhrenstadt
Grevenbroich (NRW) Bundeshauptstadt der Energie
Hameln Rattenfängerstadt
Hohenmölsen (Sachsen-Anhalt) Schwurhandstadt
Karlsruhe (Baden-Württemberg) Fächerstadt
Kassel (Hessen) documenta-Stadt
Kiel (Schleswig-Holstein) Fördestadt, Handballhauptstadt
Lage (NRW) Zieglerstadt, Zuckerstadt
Leipzig (Sachsen) Buchstadt
Lüneburg (Niedersachsen) Salzstadt
Mannheim Quadratestadt
Markgröningen (Baden-Württemberg) Schäferlaufstadt
Meckenheim (NRW) Apfelstadt
Mölln (Schleswig-Holstein) Eulenspiegelstadt
Neubrandenburg (Brandenburg) Vier-Tore-Stadt
Nürnberg (Bayern) Meistersingerstadt, Lebkuchenstadt
Osnabrück (Niedersachsen) Friedensstadt
Passau (Niederbayern) Dreiflüssestadt
Pforzheim (Baden-Württemberg) Goldstadt
Ströbeck (Sachsen-Anhalt) Schachdorf
Solingen (Nordrhein-Westfalen) Klingenstadt
Waltershausen (Thüringen) Puppenstadt
Witzenhausen (Hessen) Kirschenstadt
Woldegk (Mecklenburg-Vorpommern) Windmühlenstadt
Wuppertal (NRW) Schwebebahnstadt

 

(c) Bastian Sick 2007

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4“ erschienen.

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