Samstag, 25. November 2017
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vor Ort/am Ort des Geschehens

Der Ausdruck „vor Ort“ ist ein treffliches Beispiel für die große deutschlandweite Karriere eines kleinen, sehr speziellen Idioms. „Vor Ort“ entstammt der Bergmannssprache. Das Wort „Ort“ gab es schon im Althochdeutschen, dort hieß es so viel wie Punkt, Spitze (und gemeint war die Spitze einer Waffe), äußeres Ende, Rand. Von Punkt und Spitze ist es nicht weit zu Stelle und Platz, und so verbreiterte sich die Bedeutung des Wortes „Ort“ allmählich zur Ortschaft. In der Bergmannssprache hat sich die alte Bedeutung „Spitze“, „Endpunkt“ gehalten. Der „Ort“ bezeichnet das Ende einer Abbaustelle, also jenen Punkt, bis zu dem sich die Bergleute vorgearbeitet hatten. Wer „vor Ort“ war, der befand sich dort, wo gerade gebohrt, gegraben oder geschaufelt wurde – also meistens unter Tage, mitten im Geschehen.

Irgendwann ist dieses „vor Ort“ aus den Tiefen des Bergbaus in die Höhen des Journalismus aufgestiegen. Plötzlich waren Reporter „vor Ort“, und zwar nicht nur, wenn sie über ein Grubenunglück zu berichten hatten, sondern praktisch ständig und überall. Heute hat das zugegebenermaßen praktische „vor Ort“ das etwas umständlichere „am Ort des Geschehens“ weitestgehend verdrängt. „Unser Reporter berichtet live vor Ort“ ist zweifellos kürzer als „Unser Reporter berichtet live vom Ort des Geschehens“.

Aber ist kürzer tatsächlich besser? Seit Jahrzehnten schon ereifern sich Sprachpfleger über den Gebrauch des Ausdrucks „vor Ort“. Ihr Eifer blieb jedoch wirkungslos. Die kompakte Wortverbindung aus der Bergmannssprache hat sich durchgesetzt und ist heute aus der Nachrichtensprache nicht mehr wegzudenken. Dass Fachbegriffe und Wortverbindungen aus bestimmten Bereichen entlehnt und verpflanzt werden, ist keineswegs ungewöhnlich. So wie sich der „Ort“ von der ursprünglichen Schwertspitze zum Standpunkt und zur Siedlung erweitert hat, so hat sich „vor Ort“ von seiner Unter-Tage-Bedeutung zu einer allgemeinen „Am-Ort-des-Geschehens“-Definition ausgedehnt.

Vor holprigen Konstruktionen wie „jemanden von vor Ort informieren“ ist allerdings abzuraten. 

 

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