Dienstag, 27. September 2016
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Warum zieht es wie Hechtsuppe?

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Eine Leserin möchte wissen, was es mit der Redewendung „Es zieht wie Hechtsuppe“ auf sich hat. Was hat kalte Zugluft mit einer Fischsuppe zu tun? Und wieso muss es ausgerechnet Hecht sein? Täten es Karpfen oder Dorsch nicht auch?

Frage einer Leserin: Lieber Zwiebelfisch! Was, bitte, hat es mit der Redewendung „Hier zieht es wie Hechtsuppe!“ auf sich? Ich habe diesen Satz schon oft gehört, habe aber nie eine Erklärung zu seiner Herkunft gefunden. Können Sie mir eine Erklärung bieten?

Harriet Nielsen, Ismaning

Antwort des Zwiebelfischs: Dass Sie sich mit einer Frage, in der ein Hecht vorkommt, an den Zwiebelfisch wenden, liegt natürlich nahe. Und Ihre Frage ist überaus berechtigt!  Die Redewendung „Es zieht wie Hechtsuppe“ ergibt nämlich gar keinen Sinn. Im Gegenteil: Je länger man sie ziehen lässt, desto seltsamer schmeckt sie. Zwar muss man eine Fischsuppe eine gute Weile auf geringer Hitze durchziehen lassen, damit sie ihren vollen Geschmack erhält, doch weder knallen dabei Türen, noch bekommt man davon einen steifen Nacken. Genau das aber ist gemeint, wenn es heißt, es „zieht wie Hechtsuppe“. Richtig fiese, ungemütliche Zugluft! Was hat das mit Suppe zu tun? Dass es sich dann auch noch ausgerechnet um eine Hechtsuppe handeln soll, gibt ein weiteres Rätsel auf, denn aus Hecht macht man Filets und Klößchen, aber keine Suppe. Dafür ist er zu schade. Soweit ich weiß, enthält nicht einmal die berühmte Hamburger Aalsuppe Hecht, und das will schon was heißen, denn da ist so ziemlich alles drin, was sich verwerten lässt. Und das muss nicht einmal Aal sein, denn die Aalsuppe wurde nicht etwa nach dem länglichen Fisch benannt, sondern nach dem plattdeutschen Wort für „alles“: „aalens“. Die Hamburger Aal(ens)-Suppe ist somit in Wahrheit ein Alles-kommt-rein-Eintopf. Das lehrt uns, dass eine Suppe längst nicht immer das sein muss, was uns ihr Name glauben machen will. Das gilt genauso für die Hechtsuppe.

Des Rätsels Lösung findet man folglich nicht auf Speisekarten oder in Kochbüchern, sondern im Vergleich mit anderen Sprachen, in diesem Fall mit dem Jiddischen, der  Sprache der mitteleuropäischen Juden, die vor rund eintausend Jahren aus einer Mischung aus Mittelhochdeutsch und Hebräisch entstand, gewürzt mit aramäischen, slawischen und romanischen Einflüssen. Im Jiddischen gibt es die Wörter „hech“ und „supha“; das eine bedeutet „wie“, das andere „Orkan“, oder dichterisch „Windsbraut“. Wenn auf Jiddisch festgestellt wurde, dass es irgendwo „hech supha“ ziehe, wurde damit also kein Vergleich mit einer Bouillabaisse angestellt, sondern mit einem gehörigen Sturm. Wer des Jiddischen nicht mächtig war, musste sich auf diese Worte seinen eigenen Reim machen, und so wurde das jiddische „hech supha“ zur deutschen „Hechtsuppe“. So nachzulesen im „Jüdischdeutschen Wörterbuch“ des Lübecker Schriftstellers Friedrich Christian Avé-Lallemant aus dem Jahre 1862. Dem Jiddischen verdanken wir noch viele andere klangvolle Wörter und Redensarten. Ausdrücke wie Tacheles, Maloche, meschugge, Schlamassel und Zoff. Dazu empfehle ich Ihnen die Bücher von Hans Peter Althaus. Die haben mir schon oft geholfen.

Hoffentlich waren meine Ausführungen nicht zu schwere Kost. Gerade bei einer als leicht verdaulich geltenden Fischsuppe wäre das äußerst unpassend. Was immer Sie in diesen heißen Sommertagen noch zu kochen gedenken: Lassen Sie es sich schmecken! Und wenn es dabei durch alle Ritzen zieht, genießen Sie der Windsbraut kühlende Umarmung.

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Ein Kommentar

  1. Ganz herzlichen Dank! Über die Hechtsuppe bin ich auch schon des öfteren gestolpert. Zeitweise hatte ich mir gar angewöhnt zu sagen: „Hier zieht’s wie Tee!“, weil das ja wenigstens – wenn auch auf einer anderen Ebene – Sinn ergibt… 😉

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