Donnerstag, 1. September 2016
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Ich erinnere das nicht

Sie verstehen es, sich zu tarnen, sie tragen deutsche Alltagskleidung und fallen daher in der Menge kaum auf. Die Rede ist von unsichtbaren Amerikanismen. Heimlich unterwandern sie unsere Sprache und verändern unsere Syntax, ohne dass wir es sofort  merken. Die Wörter klingen zwar noch deutsch, doch die Strukturen sind es nicht mehr.

Wieder eine dieser Talkshows mit einem prominenten Politiker. Wassergläser auf den Tischen, eine zottelige Jazzkombo im Hintergrund, ein geschniegelter Moderator, der immer wieder seine Stichwortkärtchen auf der Suche nach intelligenten Fragen überfliegt – dann die Erwähnung eines bedeutsamen Ereignisses, verbunden mit der launigen Frage des Moderators an seinen Gast: „Erzählen Sie doch mal, wie war das; können Sie das noch erinnern?“ Der Politiker schlägt das rechte Bein über das linke, streicht sich übers Haar und erwidert mit einem wissenden Lächeln: „Nun, ich denke, ich erinnere das noch ziemlich genau, es fing damit an, dass …“

Und der Fernsehzuschauer denkt: Irgendetwas stimmt da doch nicht. In welcher Sprache reden die denn da? „Ich erinnere das“ – sagt man das so? Manch einer erinnert sich vielleicht noch dunkel daran, in der Schule mal gelernt zu haben, dass „erinnern“ ein reflexives Verb ist. Man erinnert sich an etwas oder an jemanden. In Norddeutschland soll man sich auch ohne  Reflexivpronomen erinnern können, aber das ist umgangssprachlich, und die Herren auf der Mattscheibe machen eigentlich nicht den Eindruck, als wollten sie sich als Regionalisten verstanden wissen.

Und tatsächlich: Wenige Tage später findet sich der Beweis, dass dieses „etwas erinnern“ nicht aus der norddeutschen Umgangssprache in den Jargon der Fernsehprominenz aufgestiegen ist, sondern aus einem anderen, viel größeren und viel mächtigeren Fundus stammt: dem Englischen.

Denn da muss sich der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld  den Fragen eines Untersuchungsausschusses stellen. Ob es vor dem 11. September 2001 Hinweise darauf gegeben habe, dass Passagierflugzeuge als Waffen eingesetzt werden könnten, will man von ihm wissen. „I can’t remember that“, erwidert Rumsfeld lapidar. So melden es die amerikanischen Nachrichtenagenturen. Bei der Übersetzung ins Deutsche wird daraus „Ich kann das nicht erinnern“, als Überschrift verkürzt zu „Rumsfeld: Ich erinnere das nicht“. So steht es anderntags im Internet zu lesen.

Also wiederum ein Amerikanismus, der sich in die deutsche Sprache eingeschlichen hat. Wenn es nur die direkten wären, die eins zu eins aus dem Englischen übernommenen Begriffe wie Computer, Job und Inlineskating. Aber viele Amerikanismen erkennt man erst auf den zweiten Blick, wenn überhaupt. Sie kommen im deutschen Gewand her, so dass man sie für Sprachangehörige hält. Und heimlich verändern sie unsere Syntax, machen aus „sich an etwas erinnern“ kurzerhand „etwas erinnern“, streichen das „sich mit jemandem treffen“ zu „jemanden treffen“ zusammen und verwässern unsere Sprache mit fragwürdigen Phrasen wie „das macht Sinn“ (statt „das ist sinnvoll“), „ich denke“ (statt „ich meine“, „ich glaube“), „nicht wirklich“ (statt „eigentlich nicht“) und „einmal mehr“ (statt „wieder einmal“).

Ein Bundesliga-Kommentator beweist, dass es noch schlimmer geht, im Passiv nämlich. In einem Artikel über das spektakuläre Pech, das Torhüter bisweilen haben, schreibt er: „Selbst die Fehler von Stürmern werden selten so nachhaltig erinnert wie verunglückte Paraden oder verhunzte Rettungsaktionen von diesen Männern.“

„Wie fühlt sich diese Haltung an? Sind Sie bequem oder angespannt?“, lautet eine Frage in einem Selbsttest zur Erforschung der körpereigenen Energien. „Thank you, I’m comfortable“, will man antworten, „aber ich bin keinesfalls so bequem, mir Ihre schlechten Übersetzungen gefallen zu lassen!“ Bequem können Möbel und Schuhe sein, Liegepositionen und Verkehrsverbindungen, aber wenn ein Mensch bequem ist, dann ist er auf gut Deutsch faul, und das gäben wohl die wenigsten offen zu, nicht mal in einem Selbsttest.

In Deutschland gibt es immer mehr Rückruf-Aktionen. Längst sind es nicht nur Automobilhersteller und Möbelhäuser, die fehlerhafte Modelle zurückrufen. Das  Rückrufen ist zu einem Volkssport geworden, jeder ruft heute jeden zurück: „Lassen Sie uns das später ausdiskutieren. Ich rufe Sie zurück!“ – „Kann ich Sie zurückrufen?“  – „Ruf mich zurück, wenn du Zeit hast!“ – „Rufen Sie nicht uns zurück, wir rufen Sie zurück!“ Da bekommt man auf gut Deutsch einen Rappel! So wie nach zwei Stunden Fahrt auf einer französischen Autobahn.

Im Englischen heißt es „I call you back“, auf Deutsch pflegte man früher zu sagen: „Ich rufe Sie wieder an“, aber das scheint vollkommen passé – pardon: out zu sein.

Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich. Diese berühmt gewordene Erkenntnis des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650) ist allerdings kein Grund, jede Meinungsäußerung mit „Ich denke“ anzufangen. So kennt man es von den Amerikanern, für die „Well, I think …“ die natürlichste Floskel der Welt ist, mit der sie zu erkennen geben, dass sie ein persönliches „Statement“ abgeben. Auf Deutsch sagt man eher, was man meint oder glaubt („Ich meine, …“, „Ich glaube, dass…“) oder von einer Sache hält („Ich halte das für…“, „Ich finde es richtig, dass …“). Allerdings ist „Ich denke“ womöglich immer noch besser als das umständliche „Ich würde sagen“, über das sich schon Generationen von Lehrern vergebens ereifert haben.

Dass unter dem Einfluss des Englischen im Deutschen immer mehr „gemacht“ wird, kam bereits im Zusammenhang mit „Sinn machen“ zur Sprache. „What a difference a day makes“, lautet der Titel eines amerikanischen Song-Klassikers. Welchen Unterschied etwas macht, fragt man sich immer häufiger auch auf Deutsch:

  • „Was macht das für einen Unterschied?“
  • „Das macht überhaupt keinen Unterschied.“
  • „Das macht sogar einen gewaltigen Unterschied!“
  • „Als ob das irgendeinen Unterschied macht.“
  • „Das macht 2 Euro 10 Unterschied!“

Doch das ist umgangssprachlich und gilt als zweite Wahl hinter „worin liegt/besteht der Unterschied“. Vorläufig noch.

In Sportreportagen hört man immer häufiger verdrehte Ausdrücke wie „Halbzeit zwei“ und „Minute 68“ anstelle der üblichen „zweiten Halbzeit“ und der „68. Minute“. Woher die Sportberichterstatter das haben? Aus einem Lehrbuch für gutes Deutsch bestimmt nicht. Auch dies ist zweifellos ein Amerikanismus. Im Englischen ist es Brauch, die Zahlen nachzustellen, so heißt es beispielsweise auch „in World War 2“, wenn „im Zweiten Weltkrieg“ gemeint ist. Und auch diese syntaktische Verbiegung findet bereits im Deutschen eifrige Nachahmer: „In Weltkrieg II standen sich Deutsche und Amerikaner erneut gegenüber.“ Gruselig!

Überhaupt die Präposition „in“! Sie hat sich im deutschen Wirtschaftsjargon inzwischen einen festen Platz an ungewöhnlicher Stelle erobert: vor Jahreszahlen. „Der Hersteller rechnet mit einem deutlichen Anstieg der Verkaufszahlen in 2005“. Von allen unsinnigen Amerikanismen ist dies der unsinnigste. Auf Deutsch heißt es entweder „im Jahre 2005“ oder einfach nur „2005“. So wurde begann der Zweite Weltkrieg 1939, nicht etwa in 1939. Endlich ist das Deutsche einmal direkter und kürzer als das Englische, prompt wird es von einem Amerikanismus verwässert!

Es ist im Grunde wie mit den Lochern, die man im Büro benutzt. Wem ist das nicht schon mal  passiert: Da steht man stundenlang am Kopierer, vervielfältigt Seite um Seite, schichtet die Blätter am Ende zu einem sauberen Stapel, legt ihn in den Locher und stanzt unter Aufbietung seiner gesamten Kraft zwei Löcher hinein. Beim Abheften dann die grausige Feststellung: die Löcher sitzen falsch! Statt auf A4 hat man den Stapel auf US-Format gelocht! Das passiert leicht, wenn man die Anlegeleiste nicht weit genug hinauszieht. Jeder, der das erlebt hat, verflucht diese Locher und fragt sich, wozu man in Deutschland das US-Format überhaupt braucht. Und genauso ist es mit vielen Amerikanismen: Man fragt sich, wozu man sie braucht.

Ob wir es wollen oder nicht, das amerikanische Englisch verändert unsere Sprache. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das sei dahingestellt. Vielleicht sind reflexive Verben zu umständlich, um auf Dauer in der deutschen Sprache überleben zu können. Vielleicht sind die glatten amerikanischen Strukturen gegenüber manch holpriger deutscher Konstruktion tatsächlich im Vorteil.

Jedem steht es frei, sich seine Worte und seine Syntax selbst zu wählen. Und wenn er die amerikanisierte Version bevorzugt – warum nicht. Es kann nur nicht schaden zu wissen, wie es auf Deutsch eigentlich heißt oder mal geheißen hat. Damit man Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass auch in 50 Jahren noch versteht und sich nicht wundert, warum es in deren Werken „sich an etwas erinnern“ heißt.

 

 

Erinnern Sie sich, woran Sie wollen (aber bitte richtig!)

Standardsprachlich

 

sich an jemanden/etwas erinnern:

Ich erinnere mich noch sehr gut an meine Großtante.

Sie erinnerte sich an ihren ersten Kuss.

Er erinnert sich nicht mehr an mich.

Wir haben uns an unseren alten Lehrer erinnert.

 

Standardsprachlich

 

jemanden an jemanden/etwas erinnern:

Du erinnerst mich an meine Schwester.

Das erinnert mich daran, wie wir damals Räuber und Gendarm gespielt haben.

Erinnere mich nachher bitte daran, dass ich die Uhr eine Stunde vorstelle!

Joscha erinnerte seinen Onkel daran, den Fernseher einzuschalten.

 

Gehobenes Deutsch

 

sich einer Sache/jemandes erinnern:

Dankbar erinnerte er sich der schönsten Momente seines Lebens.

Ich werde mich deiner stets in Liebe erinnern.

Dessen kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Umgangssprachlich besonders norddeutsch, in letzter Zeit verstärkt englisch geprägtes Neudeutsch

 

etwas/jemanden erinnern:

Ich erinnere ihn gut.

Das erinnert sie kaum noch.

Erinnerst du letzte Weihnachten?

 

 

(c) Bastian Sick 2004


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erschienen.

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