Dienstag, 16. Juli 2019
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Das schmeckt aber gut!

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Das Leben steckt voller Widersprüche. Als Kind hörte ich oft den Ausruf: „Du bist aber groß geworden!“, heute sagt man mir gelegentlich: „Das ist aber nett von Ihnen!“ Warum „aber“? Hatte man etwas anderes von mir erwartet? Grund genug für ein Kapitel ohne Wenn, dafür aber mit ganz viel Aber.

Wann immer Henry ein neues Rezept ausprobiert, stelle ich mich gern als Testperson zur Verfügung. So auch an jenem herbstlichen Freitagabend, als es irgendetwas Pfiffiges mit Pfifferlingen in Pfefferrahmsoße gab. „Mmh, das riecht aber gut!“, schwärmte ich. „Wieso denn ,aber‘?“, fragte Henry skeptisch. „Hattest du etwas anderes erwartet?“ – „Natürlich nicht!“, beteuerte ich. Henry streute ein paar Zutaten in die Soße und sagte: „Ich frage mich, wieso es immer heißt: Das duftet aber köstlich! Das schmeckt aber lecker! So als hätte man mit dem Gegenteil gerechnet, aber dann war’s überraschenderweise doch genießbar!“ – „Darüber habe ich mir bisher noch keine Gedanken gemacht“, gestand ich. „Aber jetzt, wo du’s sagst, kommt es mir tatsächlich seltsam vor. Eigentlich ist die Sache sogar ganz witzig.“ – „Die Sache ist nicht nur witzig“, stellte Henry fest, „sondern geradezu aberwitzig!“

Tatsächlich, aber wahr: Das Wörtchen „aber“ ist uns so vertraut, dass es auf den ersten Blick keiner Erklärung bedarf. Bei näherer Betrachtung erweist sich „aber“ jedoch als ausgesprochen vielschichtig. Da wäre zunächst seine Rolle als Bindewort, das einen Gegensatz oder eine Einschränkung einleitet: „Teuer, aber hässlich“, „Schön, aber zu klein“, „Klein, aber oho!“

So weit, so gut. Aber das ist erst der Anfang. Darüber hinaus erfüllt „aber“ nämlich noch andere Funktionen. In gesprochener Sprache kann es, einem Chamäleon gleich, seine Farbe ändern und je nach Situation eine andere Bedeutung annehmen. Es kann Erstaunen ausdrücken: „Das ging aber schnell!“ oder eine Ermahnung: „Sei aber vorsichtig!“ Und wenn jemand auf eine Bitte erwidert: „Aber gern!“, dann bewirkt „aber“ wiederum etwas anderes, nämlich eine Verstärkung.

Das Wörtchen „doch“ ist genau so ein Fall. Als Bindewort markiert es – genau wie „aber“ – einen Gegensatz: „Er rief um Hilfe, doch niemand hörte ihn.“ In anderen Zusammenhängen dient es der Verstärkung: „Pass doch auf!“, „Das ist doch seltsam!“

Die Sprachwissenschaft hat für solche Wörter einen abschreckenden Fachbegriff: Sie nennt sie „Modalpartikeln“. „Partikeln“ sind so etwas wie die Krebstierchen im Ozean der Sprache: klein, unscheinbar und überaus vielfältig.

Es gibt Ausrufepartikeln („ätsch!“, „huch!“, „oho!“), Lautmalereipartikeln („Brrr!“, „kikeriki“, „miau“, „plumps“, „tatütata“, „wusch“, „zack“), sodann Steigerungspartikeln („etwas“, „ganz“, „sehr“, „ziemlich“) und eben jene Modalpartikeln, die hauptsächlich in der gesprochenen Sprache eine Rolle spielen. Man nennt sie auch „Abtönungspartikeln“, was vielleicht eher an Acrylfarben oder Hautcremes denken lässt als an Grammatik. Noch anschaulicher ist die Bezeichnung „Würzwörter“. Tatsächlich verleihen diese Wörter dem Gesprochenen die gewünschte Würze: Mal wird eine Äußerung dadurch kräftiger, mal milder. Die am häufigsten verwendeten Modalpartikeln sind:

aber („Jetzt ist aber genug!“)

auch („So toll ist er auch nicht.“)

bloß („Ich frag ja bloß.“)

denn („Was ist denn dabei?“)

doch („Das ist mir doch egal!“)

eben („Dann bleibst du eben zuhause.“)

eigentlich („Wusstest du das eigentlich schon?“)

einfach („Ich möchte das einfach nicht!“)

etwa („Hast du das etwa gewusst?“)

halt („Dann sage ich halt nichts mehr.“)

ja („Pass ja auf!“, „Ich hab’s ja nur gut gemeint.“)

mal („Das ist mal wieder typisch.“)

nur („Ich würd‘s nur gerne wissen!“)

ruhig („Du kannst ruhig mal was für deine Gesundheit tun!“)

schon („Das ist schon etwas schwieriger“, „Wer könnte das schon sagen?“)

überhaupt („Das kommt überhaupt nicht in Frage!“)

vielleicht („Du hast vielleicht Nerven!“, „Der war vielleicht lustig!“)

wohl („Du spinnst wohl!“)

Diese lassen sich übrigens auch miteinander kombinieren:

Das war aber auch nötig!

Wer hat denn eigentlich gewonnen?

Das ist ja wohl die Höhe!

Komm doch ruhig mal wieder vorbei.

Deutschen Muttersprachlern bereiten diese kleinen würzenden Wörter kaum Schwierigkeiten: Wir nehmen sie quasi mit der Muttermilch auf und gebrauchen sie intuitiv. Wer hingegen Deutsch als Fremdsprache lernt, hat mit den Modalpartikeln seine liebe Not. In anderen Sprachen gibt es meistens keine wörtliche Entsprechung dafür. Im Englischen gibt es immerhin ein paar wie „actually“, „just“, „really“ und „anyway“, aber „Du bist ja verrückt!“ heißt nicht etwa „You’re yes crazy!“, und die Feststellung „Das war’s dann wohl!“ lässt sich nicht mit „That was it then well!“ übersetzen.

Lehrer, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten, müssen daher einige Verrenkungen leisten, um zu erklären, was genau diese Wörter bedeuten und in welchem Zusammenhang sie zum Einsatz kommen.

Aufgrund seiner Vielseitigkeit stellt „aber“ unter den Bindewörtern und Modalpartikeln einen ganz besonderen Fall dar. Entstanden vor Aberhunderten von Jahren durch Steigerung des Wortes „ab“ (= hinfort, weg), hatte „aber“ zunächst die Bedeutung „weiter weg“, später dann auch „wieder, noch einmal“.

Darum findet es sich auch als Vorsilbe in unterschiedlichen Bedeutungen: Im „Aberglauben“ steht es für das Abweichende, das Verkehrte, in „abermals“ für die Wiederholung. Veraltet, aber in der Landwirtschaft noch zu finden ist die „Abersaat“, die zweite Saat. Zur Gruppe der Abweichler gehören noch der „Abersinn“ und der „Aberwitz“, zur Gruppe der Wiederholer „aberhundert“ und „abertausend“. (Das Wort „aberkennen“ aber gehört in keine von beiden.)

FUNDSTÜCK AUS DEM „WOCHENSPIEGEL“ CHEMNITZ VOM 6.6.2012

Am eindrucksvollsten werden die Verwendungsmöglichkeiten von „aber“ am Beispiel von „witzig“ offenbar. Vor diesem Wort kann „aber“ drei verschiedene Bedeutungen annehmen: Einschränkung, Verstärkung und Übersteigerung.

Das ist nicht klug, aber witzig. (= immerhin witzig)

Das ist aber witzig! (= sehr witzig)

Das ist aberwitzig. (= verrückt/wahnsinnig)

Damit aber ist der Aberei noch nicht genug! Früher leistete das Wörtchen „aber“ nämlich noch mehr: Bei Luther findet es reichlich Verwendung als Bindewort, das keinen Gegensatz hervorhebt, sondern auf etwas anderes, Neues hinweist. Da die Bibel über lange Strecken nur aus Aufzählungen zu bestehen scheint, bot „aber“ eine willkommene Abwechslung zum „und“:

Es zogen aber mit ihm Sopater aus Beröa, des Pyrrhus Sohn, aus Thessalonich aber Aristarch und Sekundus, und Gajus aus Derbe und Timotheus, aus der Provinz Asien aber Tychikus und Trophimus. (Apg 20,4)

Wenn einem dieser alte „aber“-Sinn nicht klar ist, kann man die Bibel gründlich missverstehen. Dann erscheint sie einem nicht als ein Buch voller Verheißungen, sondern als ein Buch voller Widersprüche, in dem keiner, aber auch keiner tut, was von ihm erwartet wird: „Abraham aber nahm nochmals ein Weib“, „Moses aber nahm seinen Stab und schlug zweimal gegen den Felsen“, „Der Engel aber sprach: Fürchtet euch nicht“, „Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie den Jüngern, die Jünger aber denen, die sich gelagert hatten“.

Luthers Bibelübersetzung enthält Aberhunderte solcher „aber“, wenn nicht Abertausende. Auch die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einem „aber“, das keinen Gegensatz erzeugen will, sondern eine Verbindung: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Dies bedeutet nichts anderes als „Und es begab sich zu der Zeit“. Als „und“ findet „aber“ in der heutigen Praxis keine Verwendung mehr, dank der Bibel aber ist es erhalten geblieben und trägt in unser Gehör einen geradezu weihevollen Klang.

Abermals zeigt sich, dass „aber“ tiefgründiger ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Ob „aber“ ein Verbot verheißt, ob‘s wie bei Luther „und“ bedeutet, ob Aberglaube, Abersinn, ob zwar dies, aber auch das, ob er aber über Oberammergau oder aber über Unterammergau: „aber“ ist zu den aberwürzigsten Dingen da! Aber hallo, aber sicher, aber ja!

(c) Bastian Sick 2012


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.

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10 Kommentare

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    Peter Heinrichs

    Im Bayerischen gibt es auch so ein dauernd verwendetes „Würzwort“. Nämlich das „eh“. Das hab ich eh gedacht, ich wäre eh pünktlich gekommen, das ist eh toll. Oft hat es die Bedeutung von „ohnenhin“ manchmal jedoch wird es einfach so eingeschoben.

    Is ja eh wurscht!

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    Oh, Mann, jetzt bin ich 31 und JETZT erklärt mir jemand, was dieses ABER in der Bibel zu suchen hat. Als Kind hat es mich immer total verwirrt: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging…“ Wieso aber? Wer hat denn was anderes behauptet? Irgendwie musste ich es als „Bibelsprache“ akzeptieren, und immer wenn wir als Kinder besonders eindrucksvoll sprechen wollten, haben wir das Wort möglichst oft eingebaut: „Er aber kann heut nicht spielen, da er aber Fußballtraining hat!“

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    Hans-Peter Meyer

    Auch in der Innerschweiz gibt es solche „widersinnige“ Ausdrücke und Bezeichnungen: von einer überaus frommen Familie hört man, „sie seien gottlos fromm“, und eine äusserst hübsche junge Dame „isch äs gruisig scheens Meitli“ – also wörtlich übersetzt: ein grausig schönes Mädchen. Ist diese Steigerung durch das Gegenteil wohl etwas ähnliches wie Wetter – Unwetter (ein Unwetter ist ja auch ein Wetter – und was für eines!).

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    Gerburg Brückner

    Ganz großartig! Bisher hatte ich noch nichts von „Modalpartikeln“ erfahren. Und mich über „Aberhunderte“ etc. gewundert. Großen Dank!

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    Dr. Diether Steppuhn

    Hochinteressant! Ich habe viel gelernt über das, was – ohne daß ich die sprachliche Erklärung dafür kannte – schon immer ganz automatisch zum Sprachschatz meiner Alltagssprache gehört an solchen Modalpartikeln – DANKE! „Würzwörter“ – welch eine wohlklingende und treffende Bezeichnung!

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    Bernd Abstein

    Aber lieber Herr Sick,
    ich erinnere mich noch sehr lebhaft an meine Zeit in Bitburg, wo ich fast dreißig Jahre meines Lehrerlebens verbracht habe. Dort in der Südeifel und auch im Raum Trier wird das Wörtchen „aber“ häufig auch anstelle von „dennoch“ oder „trotzdem“ verwendet und auch entsprechend stark betont, z.B. in Sätzen wie „Du sollst doch nicht so schreien – jetzt hast du ’s ja aber gemacht!“. Das gibt’s dann auch in der Verneinung, wobei es hier eher so viel wie „auch (nicht)“, „erst recht (nicht)“ bedeutet: „Er ist gestern nicht gekommen, und heute kommt er aber nicht.“
    Jetzt aber genug, aber dennoch freundliche Grüße,
    BERND ABSTEIN

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    Wofür steht ‚eigentlich‘? Was bedeutet dann ‚uneigentlich‘?! ‚Eigentlich‘ finde ich wie viele andere ’solche‘ Worte absolut unnütz. Sie werden nur dann verwendet, wenn man sich um eine Aussage drücken will. Beispiel? „Eigentlich ist die mächtigste Frau der Welt eine hervorragende Krisenmanagerin. Aber sie ist auch nur bloss ein Mensch.“
    Viele Eigenschaftswörter sind unnötig. Dasselbe gilt bei guter Formulierung auch für viele Füllwörter. Beherzigt man dies, schreibt man die Hälfte. Es ist heiss! Wärme regt an. Freundliche Grüsse Chr. Studer

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      Michael Thiergart

      Immer wieder hört man die Aussage, Modalpartikeln (i. d. R. Adverbien) seien unnütz, dienen dazu, sich um eine klare Aussage zu drücken, können ebenso gut weggelassen werden. Modalpartikeln können in der Tat missbraucht werden, um sich zu drücken. Ihr eigentlicher Zweck ist aber, seine eigene höchst subjektive Einstellung in die Schilderung eines bloßen Sachverhalts einfließen zu lassen. Deshalb sollen sie überall dort weichen, wo es um Objektivität geht. Im Subjektiven aber sind sie unschlagbar – auch unschlagbar kurz. Vgl.: „Es soll morgen heiß werden, und ich gehe davon aus, dass dir diese Tatsache ebenfalls bekannt ist.“ „Es soll ja morgen heiß werden.“ – Um es mal subjektiv zu sagen: Der Begriff „Füllwort“ ist ja wohl echt so ziemlich das Hinterletzte und gehört einfach nur abgeschafft.

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    Hartmut Scheffer

    Mondscheinromantik.
    Sie: „Sag, Schatz, liebst du mich auch?“
    Er: „Ja, dich auch!“

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    Natalie Birdwell

    Lautet der Plural von „Partikel“ tatsächlich „Partikeln“? Ich bin bisher immer davon ausgegangen, daß er ebenso „Partikel“ lautet. http://www.duden.de bringt mich leider nicht weiter. Dafür erfahre ich hier, daß das Substantiv entweder sächlich oder weiblich ist. Das trägt nur zu noch mehr Verwirrung bei – ich habe bisher immer „der Partikel“ gesagt.

    Ich flehe um Aufklärung!

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