Freitag, 5. November 2021

Die maßlose Verbreitung des Mäßigen

Dass die Umgangssprache einem Rinnsal gleich immer nach dem einfachsten und kürzesten Weg suchte, ist nachweislich falsch. Viele Menschen könnten ihre Telefonkosten halbieren, wenn sie sich angewöhnten, auf überflüssige Wortanhängsel zu verzichten. Doch das fällt offenbar genauso schwer wie der Verzicht auf Süßes und Kartoffelchips.

Gemessen am Unglück anderer geht es uns Deutschen eigentlich recht gut, und trotzdem ist eines der am häufigsten gehörten Wörter in unserer Alltagssprache „mäßig“. Manche Gespräche strotzen geradezu vor Mäßigkeiten: „Und wie klappt es bei dir so, beruflich und privat?“ – „Jobmäßig läuft alles normal, urlaubsmäßig haben wir zwar noch keine Pläne, aber beziehungsmäßig sind wir im Moment total happy, das lässt sich nicht anders sagen!“

Doch, will man spontan widersprechen, das lässt sich anders sagen! In gemäßigterer Form nämlich, ohne all die überflussmäßigen Wortanhängsel. Stilistisch ist so ein Redebeitrag nämlich eine Zumutung; notenmäßig bekäme er bestimmt kein „gut“, nicht einmal ein „befriedigend“, sondern bestenfalls ein „mäßig“.

„Tatsachenmäßig“ lässt sich feststellen, dass die Deutschen auf das Suffix „-mäßig“ nicht mehr verzichten können. Selbst der Duden räumt ein, dass das Wort „mäßig“ heute „eine überaus große Rolle als Suffix“ spiele. „Herkunftsmäßig“ geht „mäßig“ auf „Maß“ zurück, und bei den Begriffspaaren gleichmäßig/Gleichmaß, ebenmäßig/Ebenmaß und mittelmäßig/Mittelmaß lässt sich die unmittelbare Verwandtschaft nicht leugnen. Doch was sind Jobmaß, Urlaubsmaß und Beziehungsmaß? Von Maßhalten kann angesichts der inflationsmäßigen Verbreitung der Endung keine Rede sein.

Die Zeiten sind vorbei, da man dieses Phänomen noch als Jugendjargon oder WG-Küchengeschwätz abtun konnte. Inzwischen hat „mäßig“ sämtliche Bereiche unserer Gesellschaft erfasst. Es treibt sich im Sport herum („Das heimische Team muss sich angriffsmäßig schon etwas einfallen lassen, um das Bollwerk zu knacken“), es wabert durch die Wirtschaft („Die Zuwachsraten lagen auch im vergangenen Jahr im guten zweistelligen Bereich: umsatzmäßig wie auch renditemäßig“) und ist selbstverständlich auch in der Politik anzutreffen, wo man sich ausdrucksmäßig bekanntlich stets um äußerste Präzision bemüht.

Wenn die Mitglieder eines Kabinetts oder eine Kommission sich in einer bestimmten Frage nicht einigen können oder schlichtweg keine Meinung haben, dann heißt es neuerdings, man habe sich noch nicht „beschlussmäßig positioniert“. In der Sache also kein Ergebnis, aber wischiwaschimäßig ein Volltreffer. Das ist Schaumschlägerei auf mäßig hohem Niveau. „Mäßig“ hilft dabei, die Grammatik zu überlisten. Störende Gedanken über den richtigen Gebrauch von Präpositionen und Artikeln entfallen wie auch das Nachdenken über die korrekte Deklination. Statt „Mit den Plätzen hatten wir großes Glück“ sagt man: „Platzmäßig hatten wir großes Glück“. Mäßig ist schnell und bequem. Die Abstumpfung hat gesiegt.

Nicht einmal das Militär ist gegen die sprachliche Unterwanderung geschützt: So war von einem General zu lesen, der sich redlich Mühe gab, die Sorge zu zerstreuen, „dass sicherheitsmäßig ganz Afghanistan aus der Balance geraten könnte“.

„Wichtig ist jetzt erst einmal, überhaupt die Bereitschaft hinzubekommen, sich auf unsere Bedingungen diskussionsmäßig einzulassen“, beschwor derweil eine Grünen-Politikerin – vermutlich vergebens – die diskussionsresistente Industrie.

Psychologen wissen: „Eine kopfmäßige Überzeugung führt noch lange nicht zu einer Bewusstseinsänderung oder Änderung der Wertmaßstäbe“, und mancher heutige Oberklassenwagenbesitzer erinnert sich lächelnd, dass er sich in den Siebzigern „automäßig für einen knallbunten R4 entschieden“ habe. Ach ja, die goldenen Siebziger! Würde Hans Rosenthal noch leben und bei „Dalli Dalli“ in die Luft springen („Das war Spitze!“), so müsste er heute wohl ausrufen: „Das war spitzenmäßig!“

Vor etlichen Jahren gab es den Versuch, auch das Adjektiv „technisch“ als Suffix zu etablieren. Da liefen die Dinge „beziehungstechnisch“ mal besser, mal schlechter, man hatte „arbeitstechnisch“ die Nase vorn und war „informationstechnisch“ auf dem Laufenden, lange bevor der Begriff „Informationstechnologie“ in unserer Sprache auftauchte. Aber dieses Anhängsel war vielleicht zu kompliziert, zu technisch, den Erfolg des schlichteren „mäßig“ hat es jedenfalls nie erreicht.

Und „mäßig“ wuchert ungehemmt. Schon werden andere, bis vor kurzem noch völlig unstrittige Wörter in Mitleidenschaft gezogen: Der „ordnungsgemäße Zustand“ wird immer häufiger zum „ordnungsmäßigen Zustand“, und eine „blitzartige Reaktion“ gibt es auch schon als „blitzmäßige Reaktion“.

„Wir stehen finanzmäßig mit dem Rücken zur Wand“, stöhnt der Vorstandsvorsitzende einer Krankenkasse erbarmungsmäßig. Wer hat ihm bloß gesagt, dass „finanziell“ nicht mehr geht, bloß weil bei seiner Kasse finanziell nichts mehr geht?

Man ist ja heutzutage geneigt, hinter jeder sprachlichen Unsitte einen Anglizismus zu vermuten. Und tatsächlich gibt es ein berühmtes Beispiel der Filmgeschichte, das diese Annahme stützt: In Billy Wilders Meisterwerk „Das Appartement“ aus dem Jahre 1960 taucht ein Mann namens Kirkeby auf, der die höchst eigenwillige Angewohnheit hat, an alle möglichen und unmöglichen Wörter ein „-wise“ anzuhängen – was in der deutschen Synchronfassung sehr treffend mit „-mäßig“ wiedergegeben wird: „Prämienmäßig und rechnungsmäßig liegen wir um 18 Prozent besser als im letzten Jahr – oktobermäßig“, hört man Kirkeby zum Beispiel diktieren. Der Angestellte C.C Baxter, dargestellt von Jack Lemmon, macht sich über diese Sprechweise lustig: „Fahren Sie vorsichtig“, sagt er zur Aufzugführerin Fran Kubelik (Shirley McLaine), „Sie befördern kostbare Fracht – ich meine arbeitskraftmäßig.“ Und weiter: „Sie werden es nicht glauben, Miss Kubelik, aber ich liege an der Spitze – leistungsmäßig. Und vielleicht ist das heute mein großer Tag – aufstiegsmäßig.“ Die junge Frau lacht und erwidert: „Sie fangen schon an, Mr-Kirkeby-mäßig zu reden!“ Am Ende werden die beiden ein Paar – Baxter hat den Vogel abgeschossen, kubelikmäßig. Hier wurde eine Marotte zur Kunstform stilisiert, doch das ist etwas anderes als das mäßige Deutsch, das uns in der Alltagssprache begegnet.

Wie ein wirbelloses Tier quetscht sich der „mäßig“-Zusatz noch durch die engste Ritze und nistet sich in Lücken ein, die eigentlich gar keine sind. So wird aus einer „nicht erwerbstätigen Person“ plötzlich eine „nicht erwerbsmäßig tätige Person“, eine Bilderbuchlaufbahn leiert zu einer „bilderbuchmäßigen Laufbahn“ aus, und „verkehrsgünstige Anbindungen“ werden unnötigerweise als „verkehrsmäßig günstige Anbindungen“ angepriesen.

Da kann einem magenmäßig schlecht werden, und zwar saumäßig, und man möchte den Überträgern der Suffixeritis den dringenden Rat erteilen: „Mäßigen Sie sich!“

(c) Bastian Sick 2005


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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