Freitag, 23. Juli 2021

Kesse Wecken, dufte Schrippen

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Oft sind es Kleinigkeiten, an denen sich ein großer Streit entzünden kann. Kleinigkeiten wie ein Brötchen zum Beispiel. In einem Zeitungsinterview regte sich Wolfgang Thierse darüber auf, dass die gute alte Berliner Schrippe immer häufiger als Wecke angeboten werde. Damit brachte er die Schwaben gegen sich auf. 

Während sich die Deutschen vor dem Jahreswechsel 2012/2013 mit den üblichen Böllern und Feuerwerksraketen eindeckten, explodierte in Berlin ein Silvesterkracher ganz anderer Art. Gezündet wurde er von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ sein Missfallen an den Veränderungen in seinem Heimatstadtteil Prenzlauer Berg zum Ausdruck brachte. Er klagte über die angebliche Unlust der zugewanderten Schwaben, sich an die Berliner Lebensart und das Berlinische anzupassen. „Ich ärgere mich, wenn ich beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gibt, sondern Wecken“, sagte Thierse. In Berlin sage man „Schrippen“, daran sollten sich auch die Schwaben gewöhnen. Das gelte auch für anderes Backwerk, wie zum Beispiel „Pflaumendatschi“. „Was soll das?“, fragte Thierse, „in Berlin heißt es Pflaumenkuchen!“

Klare Worte aus dem Munde eines Pfannkuchens! So nämlich heißt der Berliner in Berlin. Dass es nicht immer leichtfällt, sich mit Veränderungen abzufinden, liegt in der Natur des Menschen. Auch dass man sich durch Einflüsse fremder Kulturen verunsichert fühlen kann, ist nicht ungewöhnlich. Wenn heute Kritik am Sprachwandel geübt wird, dann geht es dabei meistens um die vielen englischen Wörter, die in den vergangenen Jahrzehnten ins Deutsche eingeflossen sind. Dass jemand an der Ausbreitung des Schwäbischen Anstoß nimmt, wirkt dagegen geradezu drollig. Nicht über neumodische Backwaren wie Donuts, Muffins, Bagels, Brownies und Wraps wurde sich hier ereifert, sondern über Wecken.

Natürlich weckte Herr Thierse mit seinem Anti-Wecken-Ruf den Widerspruch einiger wackerer Schwaben. Mit Verweis auf den Länderfinanzausgleich machten baden-württembergische Politiker deutlich, dass die Berliner ohne die Hilfe der Schwaben deutlich kleinere Brötchen backen müssten, egal ob Wecken oder Schrippen. Außerdem seien für den Berliner offenbar alle Westdeutschen Schwaben, auch wenn sie aus Rheinland-Pfalz, Hessen oder Bayern stammten.

Tatsächlich schien Wolfgang Thierse in seiner Erregung Gebäckstücke von unterschiedlicher Herkunft in einen Topf geworfen zu haben. Ein schwäbischer Leser wies darauf hin, dass es in Schwaben keinen „Pflaumendatschi“ gebe, sondern allenfalls „Zwetschgakuacha“. Das Wort „Datschi“ (von datschen/tatschen = hinklatschen, breitdrücken) ist eher in Bayern beheimatet. Dort gibt es übrigens so manche Spezialität, die man als Auswärtiger nur ungläubig bestaunen kann, zum Beispiel „Ausgezogene“, ein Schmalzgebäck. Ausgezogene (bairisch Auszogne) werden auch „Knieküchle“ genannt, weil der Teig über dem Knie in die Länge gezogen, also ausgezogen wird. Was würde Herr Thierse erst denken, wenn ihm im Schaufenster „Ausgezogene für nur 1 Euro!“ angeboten würden. „Jetzt machen diese Schwaben aus unserer Berliner Bäckerei auch noch eine Peepshow!“

In Hamburg und Schleswig-Holstein heißt das Weizenbrötchen traditionell „Rundstück“. Doch unter diesem Namen kennen es heute nur noch die Älteren. Das Rundstück verschwindet, stattdessen ist hier die Schrippe auf dem Vormarsch. Vielleicht sollte Herr Thierse nach Hamburg ziehen, dann müsste er sich nicht länger von Wecken überfremdet fühlen. Allerdings bekäme er es dann mit der „Hansesemmel“ zu tun, einem Bäckereierzeugnis, das gegensätzliche Kulturen auf knusprige Art in sich vereint.

Der deutsche Sprachraum gliedert sich in drei große Zonen: eine Brötchenzone im Norden, eine Weckenzone im Südwesten und eine Semmelzone im Südosten. Berlin hat, nicht zum ersten Mal in der Geschichte, einen Sonderstatus – als Schrippeninsel. Die Übergänge zwischen den Zonen sind fließend, und die Zahl der regionalen Varianten ist groß. Nirgends aber ist sie so groß wie in Franken.

Ich hatte mal eine Geschichte in meinem Programm, in der es um ein Brötchen ging. Als ich damit in Nürnberg auftrat, suchte ich nach einer passenden Übersetzung, da ich mir der Tatsache bewusst war, dass niemand in Bayern „Brötchen“ sagt. In Bayern sagt man „Semmel“, dessen war ich mir sicher, immerhin war das auch der Name meines Tourneeveranstalters „Semmel Concerts“, und der kam schließlich aus Bayreuth. Also wandte ich mich an mein Publikum mit den Worten: „Ich denke, bei Ihnen sagt man Semmel“. Da riefen die Nürnberger wie aus einem Mund: „Weggla! Weggla!“ So lernte ich, dass es in Nürnberg nicht Semmel, sondern Weggla heißt. Wie man’s schreibt, ist nicht eindeutig festgelegt, man findet es wahlweise mit Doppel-g oder mit ck, und meistens in Verbindung mit der Zahl Drei: „3 im Weckla für 2 €“. Mit diesen Dreien sind keine Musketiere oder Fragezeichen gemeint, sondern die berühmten Nürnberger Rostbratwürstchen, die immer im Trio auftreten. Und das nicht nur mit Sauerkraut, sondern eben auch im Brötchen.

Kurz darauf trat ich in Bamberg auf. Als die Stelle mit dem Brötchen kam, wollte ich mein frisch erworbenes Wissen zum Besten geben und erklärte, dass ich inzwischen gelernt hätte, dass ein Brötchen in Franken ein Weggla sei. Prompt riefen mir die Bamberger zu: „Brödla! Brödla!“ Und ich erkannte, dass zwischen Mittelfranken und Oberfranken offenbar erhebliche Unterschiede bestehen.

Anderntags war ich in Bayreuth, was ja von Bamberg nicht allzu weit entfernt ist (manche meinen auch: nicht weit genug entfernt) und ebenfalls zu Oberfranken zählt. Und ich war fest entschlossen, die Sache mit dem Brötchen nicht noch einmal zu versemmeln. Also sagte ich zum Publikum: „Ich weiß schon, bei Ihnen sagt man nicht Weggla, sondern Brödla!“ Da scholl es mir aus der vollbesetzten Stadthalle entgegen: „Laabla! Laabla!“

Danach habe ich die Nummer mit dem Brötchen kurzerhand aus dem Programm gestrichen.

(c) Bastian Sick 2013


 

Auf einen Blick: Wecken, Semmel und andere Bezeichnungen für das Brötchen

Fotoalbum: Die Sache mit dem Brötchen


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.


Weiteres zur regionalen Vielfalt:

Zum Kerngehäuse: Was vom Apfel übrig blieb

Zum Brotkanten: Von Knäppchen, Knäuschen und Knörzchen

Zur Kartoffel: Ein Hoch dem Erdapfel

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Ein Kommentar

  1. Avatar
    Christine Schuler

    Also – in Nürnberg kann man jederzeit Semmel sagen. Ich bin in Nürnberg aufgewachsen, und Schrippen gab es hier schon damals. Schrippe ist KEIN Synonym zu Semmel oder Brötchen, sondern eine Sonderform, nämlich die länglichen, längs eingeschnittenen, an denen man sich immer so schön den Gaumen aufgerissen hat.
    Das war doch bestimmt nicht nur bei unserem Bäcker so?
    Mama spricht: „Lauf mal zum Bäcker und hol 6 Semmeln, 2 Mohn, 2 Schrippen und 2 Kaiser.“ Viel mehr Sorten gab’s damals nicht.

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