Donnerstag, 21. Oktober 2021

In Oslo

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„Oh! Wir sind in Kanada!“, ruft Edgar aus, als er morgens aus dem Kabinenfenster blickt. „Dann haben wir uns aber ganz schön verfahren!“, murmele ich schlaftrunken. Was Edgar wie Kanada vorkommt, ist in Wahrheit natürlich der Oslofjord. Doch in der Tat weist Norwegen starke Ähnlichkeiten mit Nordamerika auf. Und das liegt nicht nur an der von Nadelwäldern überzogenen Küste, sondern auch an den farbigen Holzhäusern, die hier und da zwischen den Bäumen hervorlugen. In Oslo angekommen, stellen wir sehr bald noch eine weitere Gemeinsamkeit fest: die Beliebtheit überdimensionierter Autos. Dank Erdöl und Gas zählt Norwegen heute zu den wohlhabendsten Ländern Europas, und das drückt sich nicht nur im raschen Wachstum der Metropolen aus, sondern auch in der Größe der Automobile. Einen Fiat oder gar einen Smart habe ich in Oslo jedenfalls nicht gesehen.

Dafür viele schöne Häuser, elegante Grand Hotels, Banken und einen modern bebauten Hafen, der stark an die Hamburger Hafencity erinnert. Das war wohl auch der Grund, warum einige Szenen der Fernsehserie „Eine Liebe am Fjord“ in Hamburg gedreht wurden, obwohl sie laut Drehbuch in Oslo spielen sollten.

Unser Stadtführer ist ein junger Mann von mehr als zwei Metern Länge, ein norwegischer Riese. Er geht ganz langsam, aber wir haben trotzdem Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Natürlich führt er uns auch zum Rathaus (erbaut 1931), wo alljährlich die Nobelpreise verliehen werden, und ins gegenüberliegende Nobel-Friedenszentrum im ehemaligen Westbahnhof, in dem spektakuläre Fotoausstellungen gezeigt werden.

Dann geht es hügelaufwärts zum königlichen Schloss, dessen undichtes Dach gerade aufwendig erneuert wird. Auf dem Vorplatz thront ein imposantes Reiterstandbild des Schwedenkönigs Karl Johan, der auch über Norwegen herrschte. In meinem Heimatort Ratekau kennt man diesen König noch unter seinem französischen Namen: Jean-Baptiste Bernadotte. Bevor er König von Schweden und Norwegen wurde, war er nämlich General in Napoleons Armee und hätte um ein Haar mein holsteinisches Dorf in Schutt und Asche gelegt. Zum Glück konnte Blücher ihn durch eine Kapitulation davon abhalten. Seitdem gilt Blücher bei uns als Held, während Bernadotte uns noch heute nicht geheuer ist. Die Norweger hingegen halten ihn in Ehren. „Folkets Kjaerlighed min belönning“ steht in den Sockel graviert. Zu Deutsch: „Die Liebe des Volkes ist  mein Lohn“. Das liest sich gut, wenngleich Karl Johan alias Bernadotte zeitlebens kein Wort Schwedisch sprach, Norwegisch erst recht nicht. Er weigerte sich, eine andere Sprache als Französisch zu sprechen. Typisch französisch eben!

Gestern sprach mich bei der Rückkehr aufs Schiff ein Mitreisender mit den Worten an: „Heute schon den Dativ gesehen?“ Da habe ich nur höflich gelächelt. Heute hätte ich ihm eingedenk der in Stein gemeißelten „Liebe des Volkes“ erwidern können: „Sogar den Genitiv!“ Den kennen auch die Norweger.

Noch bis zum Abend liegt unser Schiff im Osloer Hafen, direkt gegenüber dem in italienischem Marmor erstrahlenden ultramodernen Opernhaus. Edgar würde vermutlich gern hinein, aber die Chance, dass dort gerade heute seine geliebte „Zauberflöte“ aufgeführt wird und die „Columbus 2“ mit der Abfahrt solange warten würde, bis die Königin der Nacht in Finsternis versinkt, ist verschwindend gering. Stattdessen schauen wir uns wohl den Sylter Kabarettisten Manfred Degen an, der heute Abend hier an Bord auftritt und uns sagen wird, warum Sylt trotz der überhöhten Preise, der schweren Erreichbarkeit und der dort verkehrenden exzentrischen Schickeria nicht zwingend liebenswert sein muss.

(c) Bastian Sick 2012


FOTOALBUM: Unterwegs mit der Columbus 2

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