Samstag, 18. August 2018
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Heißt es „behangen“ oder „behängt“?

„Ich brauch mal deinen Rat“, sagte meine Freundin Sibylle kürzlich. „Ich schreibe gerade Weihnachtskarten, und da heißt es … “ – „Wie bitte?“, unterbrach ich sie. „Du schreibst jetzt schon Weihnachtskarten? Im Hochsommer?“ – „Warum nicht? Ich schreibe auf Vorrat! Im Dezember hab ich genug anderes zu tun. Also, ist der Satz so in Ordnung: Ich schreibe dir von unter einem mit Kugeln und Lametta behangenen Weihnachtsbaum … Kann man das sagen: von unter?“ – „Besonders elegant ist es nicht, und gelogen noch dazu.“ – „Das weiß ja keiner außer dir“, meinte Sibylle. „Auf jeden Fall ist der Weihnachtsbaum nicht mit Kugeln und Lametta behangen, sondern behängt“, stellte ich richtig.

„Ist das nicht egal?“, fragte Sibylle. „Geht nicht beides?“ – „Nein, in diesem Falle nicht“, erwiderte ich. Und da Sibylle mich nun mal um Rat gebeten hatte, holte ich zu einer längeren Erklärung über das Verb „hängen“ aus. Zunächst müsse man wissen, dass es in doppelter Ausführung existiert – als transitives Verb und als intransitives. Was das denn nun wieder bedeuten solle, wollte Sibylle wissen.
Transitive Verben seien Verben, die ein Objekt haben können, erklärte ich. Da hängt jemand (Subjekt) etwas (Objekt) irgendwohin. Intransitive Verben haben kein Objekt. Da hängt man nicht etwas irgendwohin, sondern man hängt selbst.
Nehmen wir zum Beispiel die Wäsche. Wenn ich die Wäsche auf die Leine hänge, ist das transitiv. Ist die Wäsche dann aufgehängt, dann hängt sie vor sich hin – das ist intransitiv. Das transitive „hängen“ wird regelmäßig gebildet: Ich hänge die Wäsche auf, ich hängte die Wäsche auf, ich habe die Wäsche aufgehängt.
Das intransitive „hängen“ wird hingegen unregelmäßig gebildet: Die Wäsche hängt auf der Leine, die Wäsche hing auf der Leine, die Wäsche hat auf der Leine gehangen.
Und damit kommen wir zum Weihnachtsbaum und seinem Schmuck: Der Baum ist mit Kugeln behängt, denn jemand hat die Kugeln ganz transitiv an den Baum gehängt. Genauer gesagt: Er hat den Baum mit Kugeln behängt – und das Verb „behängen“ existiert allein als transitives Verb. Ein intransitives „behängen“ gibt es nicht. Folglich gibt es auch die Form „behangen“ nicht.
„Aber was da am Weihnachtsbaum hängt“, wandte Sibylle ein, „das nennt man doch Weihnachtsbaumbehang und nicht Weihnachtsbaumbehänge! Höchstens vielleicht Weihnachtsbaum-ge-hänge …“
Behang und Gehänge seien abgeleitete Hauptwörter, erklärte ich, wir seien ja aber bei den Verben. „Also gut“, fasste Sibylle zusammen, „dann ist der Weihnachtsbaum ein behängter und kein behangener. Trotz seines Behangs.“ – „Genauso ist es“, erwiderte ich. Sibylle kramte kurz in ihrer Tasche. „Hier, bitte“, sagte sie dann, „du bekommst deine Weihnachtskarte schon jetzt!“ – „Wieso das?“, fragte ich erstaunt. Sibylle lachte: „Wenn du sie jetzt transitiv an deinen Kühlschrank hängst, hat sie ausreichend Zeit, intransitiv abzuhängen, und ist Weihnachten dann richtig gut abgehangen!“


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2 Kommentare

  1. Dass es kein intransitives behängen gibt, stimmt sicherlich, aber das ist kein Grund, deswegen nicht – natürlich transitiv – sagen zu können: ich habe den Baum mit Lametta behangen. Also: Ich behänge ihn – ich behing ihn – ich habe ihn behangen. Letztlich ist es dann doch ein behangener Baum. Auch wenn ein paar Norddeutsche(?) unter sich ausgemacht haben, dass man das transitive behängen nur noch schwach konjugieren soll, glaube ich nicht, dass ich mich als Süddeutscher daran halten muss – zumal die starke Konjugation ja wohl auch die „älteren Rechte“ besitzt. Und solange noch Deutsche leben, deren Muttersprachgefühl hier die starke Konjugation vorzieht, hat m. E. niemand (und auch der Dudenverlag nicht) das Recht, diesen deutschen Sprachgebrauch rechthaberisch als „falsch“ abzuklassifizieren. Vielleicht werfen Sie ja mal auch einen Blick auf den Wikipedia-Artikel über den „Behangenen Mürbling“?

  2. Sehr geehrter Herr Sick

    Heute, beim Besuch Ihrer Homepage, sah ich zu meiner Freude, dass Sie sich des Verbs „hängen“ angenommen haben. Da ich oft sowohl die öffentlich rechtlichen wie auch private deutsche Fernsehsendungen anschaue, ist mir aufgefallen, dass Moderatoren das Verb nach meiner Meinung falsch gebrauchen. Sie berichten zum Beispiel: „Es wurden Suchplakate aufgehangen.“ Oder: „Auch ich habe zu Hause eine Menge Bilder aufgehangen.“
    Es gäbe noch mehr Beispiele, aber es ist ja immer derselbe Fehler, wenn es denn einer ist! Ich habe meine Bilder „aufgehängt“ und diese Form des besagten Verbs habe ich meinen Schülern beigebracht. Ich hoffe doch sehr, dass ich da nichts Falsches gelehrt habe.

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Suche nach sprachlichen Seltsamkeiten und grüsse Sie freundlich

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