Montag, 17. Juni 2019
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Ich will oder Ich möchte bitte?

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Ein Leser wünscht zu wissen, ob die Verwendung von „Ich möchte bitte“ dem kürzeren „Ich will“ noch immer vorzuziehen sei, oder ob der Konjunktiv hier inzwischen als zu umständlich angesehen würde und folglich nicht mehr nötig sei. Was sollen wir heute unseren Kindern beibringen? Auf diese Frage will (oder möchte?) der Zwiebelfisch selbstverständlich gerne antworten und nutzt die Gelegenheit zu einer kurzen Gesellschaftskritik.

Frage eines Lesers aus Leipzig: Sehr geehrter Herr Sick, meine Freundin und ich sind uns uneinig über die Verwendung der beiden Möglichkeiten. Wenn man etwas haben möchte und dies höflich ausdrücken will, sagt man doch „Ich möchte“, aber meine Freundin meint, dass der Konjunktiv da nicht deutlich genug sei. Sie hält „Ich will“ ebenfalls für höflich.

Kindern wird oft gesagt: „Ich will gibt’s schon mal gar nicht, das heißt Ich möchte bitte!“
Bringen wir unseren Kindern hier die falsche Höflichkeit bei, oder spülen wir sie nur weich? Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort.

Antwort des Zwiebelfischs: Sehr geehrter Leser, das ist eine ausgesprochen hübsche Frage, und es wird mir ein Vergnügen sein, Ihnen darauf zu antworten. Die alte Anstandsregel „Es heißt nicht Ich will, sondern Ich möchte bitte“ hat nach wie vor Gültigkeit, auch wenn sich in unserer Gesellschaft vieles geändert hat. Die Sprache in den Medien und in der Werbung lässt allzu häufig Souveränität und stilbildendes Bewusstsein vermissen. Die Umgangsformen sind ruppiger geworden. Dass man älteren Menschen im Bus seinen Platz anbietet, dass man anderen die Tür aufhält, jemandem in den Mantel hilft, anderen vor der Rolltreppe oder am Fahrstuhl den Vortritt lässt – all dies ist nicht mehr selbstverständlich. Bis in die 80er-Jahre noch lebten wir in einer Wir-Gesellschaft, in der gegenseitige Rücksichtnahme, soziales Engagement und soziale Kontrolle fest verankert waren. Bundeskanzler Helmut Kohl, der einen Hass auf die Intellektuellen hatte, wollte den Deutschen die „geistig-moralische Wende“ bringen – und das ist ihm tatsächlich gelungen: die Demontage des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zugunsten kommerzieller Sender, der Verkauf staatlicher Unternehmen wie der Post, der Bahn, der Krankenhäuser und die damit verbundene Aufgabe staatlicher Verantwortung sowie die Auflösung oder Zusammenlegung kleiner und mittlerer Betriebe im Zeichen der Globalisierung und nicht zuletzt die Umkrempelung des Schul- und Studiensystems nach amerikanischem Vorbild haben letztlich dazu geführt, dass die Wir-Gesellschaft zu einer Ich-Gesellschaft wurde. Statt „Darf ich Sie vorlassen?“ gilt heute die Devise: „Ich zuerst!“

Dazu passt die Äußerung „Ich will“. Sie spiegelt den Geist unserer Zeit geradezu vortrefflich wider. Kinder lernen durch falsche Vorbilder auf den falschen Fernsehkanälen, dass sie Superstars und Topmodels werden können, ohne sich in der Schule anstrengen zu müssen. Was zählt ist Individualität, und nicht mehr der Gedanke, Teil einer Gesellschaft zu sein. Es findet auch deutlich weniger soziale Kontrolle statt. Wer früher seinen Müll auf die Straße warf, kassierte sofort einen Anpfiff. Heute reagiert niemand mehr. Da die Polizei in den Großstädten überfordert ist, werden Raser und Falschparker kaum noch geahndet, was der Jugend suggeriert, dass man tun und lassen kann, was man will.

Höflichkeit und Rücksichtnahme sind zwar seltener geworden, aber es gibt sie noch, und es liegt an jedem Einzelnen von uns, sie lebendig zu halten. Das fängt bei der Spracherziehung an. Lassen Sie Ihre Kinder wissen, dass es neben „Ich will“ auch Formen gibt wie „Ich möchte bitte“, „Ich hätte gern“ oder gar „Wenn es keine allzu großen Umstände bereitet, dann nähme/bekäme ich gern …“. Erklären Sie ihnen, dass „Ich will“ zwar zweifellos der direkteste Weg ist, dass die umständlicheren Formen mit dem Konjunktiv aber auf Dauer zu größerem Erfolg führen, da man im Leben nicht nur an seinem Aussehen und seinen Noten, sondern auch an seiner Sprache gemessen wird.

Von Weichspülen kann keine Rede sein, denn die Beherrschung des Konjunktivs ist eine ziemlich harte Nuss! Sie zu knacken, ist äußerst lohnend, und man kann nicht früh genug damit beginnen. Natürlich muss man nicht jedes „Ich will“ durch ein „Ich möchte“ ersetzen. Das Lied von Gitte „Ich will alles“ wäre unter dem Titel „Ich möchte bitte alles“ vermutlich kein Hit geworden, und auch ihre frühere Nummer „Ich will ’nen Cowboy als Mann“ tat gut daran, nicht „Ich hätte gern ’nen Cowboy als Mann“ zu heißen. Dass dem „Ich will“ sogar etwas Weihevolles innewohnen kann, beweist die Formel, mit der man das Ehegelübde ablegt. Die klänge nicht halb so gut, wenn Braut und Bräutigam auf die Frage aller Fragen jeweils erwiderten: „Ja, ich möchte gern.“

Wenn es um das Formulieren einer Absichtserklärung geht, ist „Ich will“ angemessen. Wann immer es aber um eine Bitte geht, ist Höflichkeit geboten, und sprachliche Kennzeichen der Höflichkeit sind nach wie vor der Konjunktiv und das kleine Wörtchen „bitte“.

In der Hoffnung, Ihnen eine zufriedenstellende Auskunft erteilt zu haben, verbleibe ich mit sehr herzlichen Grüßen – auch an Ihre Freundin – Ihr

Bastian Sick


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10 Kommentare

  1. Avatar

    Lieber Bastian,

    Sie haben hier wunderbar treffend beschrieben, wie Sprache auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist.

    Meine Eltern haben mir (Baujahr 1960) neben einigen anderen Umgangsformen auch beigebracht, daß „ich will“ nicht so sehr geeignet ist, Sympathien zu gewinnen.

    Unsere Tochter, die von uns diese Werte auch vermittelt bekam, sagt manchmal im Spaß, wenn mich z.B. wieder einmal eine Frau komisch anschaut, wenn ich ihr die Tür aufhalte: „tja, Papa, falsch erzogen, so kommst Du im Leben nicht weiter…“

    viele Grüße
    Ihr Ralf Perlak

  2. Avatar

    Hallo,
    ich arbeite in der Nachmittagsbetreuung einer Grundschule. Ich habe Kinder des ersten und zweiten Schuljahrs und ich muss sagen, dass ich froh wäre, obiges Problem wäre das einzige.
    Viel schlimmer finde ich, dass die Kinder meistens nur in unvollendeten Sätzen reden. Da wird zum Beispiel gefragt :“ Darf ich die Buntstifte ?“ oder “ Müssen wir jetzt Hausaufgaben ?“.Das hat übrigens nichts mit der Nationalität zu tun, auch deutsche Kinder reden so.

  3. Avatar

    Hallo Herr Sick,
    ein Dankeschöön, ups, auch an den Fragesteller.
    Unserer Tochter habe ich versucht den Unterschied so zu erklären: Was man / frau will, das kann sie/ er auch. Was er/ sie möchte, ist immerhin möglich.
    Somit wurde dem „will“ in unserem Sprachgebrauch eine völlig andere Bedeutung „zugeteilt“ als dem „möchte“.
    Genauso halten wir es übrigens mit dem „Entschuldigung“.
    Niemand kann sich selbst entschuldigen, aber „um Verzeihung bitten“, wenn einem etwas „leid tut“, kann man durchaus.
    Liebe Grüsse
    kawodi

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    Wenn man in den USA sagt “ I would like“ wird man verwirrt gefragt, ob man denn auch will: „I want“.
    Ich habe das Gefühl, dass wieder ein Anglizismus bei „ich will“ Pate gestanden hat.

    • Avatar

      Ähnlich ist es im Spanischen, wo man im Laden mit „¿Que te quieres?“ (Was willst du?) empfangen wird, obwohl es auch dort eine Sie-Form gibt und Konjunktiv sehr verbreitet ist. Kommt eben ganz drauf an, ob ich jemanden um einen Gefallen bitte oder eben nur meinem Wunsch äußere. Wenn ich in einen Laden einen Artikel kaufen will, kann ich durchaus „wollen“ sagen, dafür ist der Laden ja da.

      Im Übrigen weiß ich nicht, was das Thema mit der Privatisierung des Fernsehens zu tun hat. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

  5. Avatar

    Dazu habe ich neulich ein passendes Bild im Netz gesehen, es handelte sich um eine Getränkeangebot (sinngemäße Wiedergabe):

    Kaffee 5 €
    Guten Tag, einen Kaffee 2,50 €
    Guten Tag, einen Kaffee bitte 1,25 €

  6. Avatar

    „Ich will meine Suppe nicht essen!“, rief der widerspenstige Junge.
    „Du ißt deine Suppe“, sagte der Vater böse. „Kleine Kinder haben keinen Willen!“
    „Aber ich mag die Suppe nicht essen“, sagte der Junge. „Einen Magen haben schließlich doch alle Kinder!“

  7. Avatar

    Mein Enkelkind (4 Jahre) zu ihrer Mutter, die ihr im
    Supermarkt an der Kasse einen Wunsch nicht erfüllen wollte: „Du willst doch auch, dass ich zufrieden bin! Du musst mir das also kaufen!“ – So umschreibt man geschickt ein „Ich will/ich hätte vielleicht gerne…“

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    Norbert Braumann

    Hmmm … könnte es sein, dass das „Ich will“ sich vom englishen „I will“, also „Ich WERDE“ ableitet? Denn DAS wäre noch stärker als nur der bloße Wille …

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    Georges Weyer

    (…)die Demontage des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zugunsten kommerzieller Sender, der Verkauf staatlicher Unternehmen wie der Post, der Bahn, der Krankenhäuser und die damit verbundene Aufgabe staatlicher Verantwortung sowie die Auflösung oder Zusammenlegung kleiner und mittlerer Betriebe im Zeichen der Globalisierung und nicht zuletzt die Umkrempelung des Schul- und Studiensystems nach amerikanischem Vorbild(…) Meinen Sie das ernst? Nach dem Motto: „früher war alles besser“? Wirklich?

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