Freitag, 5. November 2021

Klopft man an der Tür oder an die Tür?

In welchem Fall steht eigentlich die Tür, wenn ich anklopfe? Klopfe ich an der Tür oder an die Tür? Klopft man an sie oder an ihr? Eine recht beklopfte Frage, findet der Zwiebelfisch und hämmert sich eine Antwort zurecht.

Frage einer Leserin:

Lieber Zwiebelfisch, bald steht ja wieder Weihnachten vor der Tür, und so habe ich denn eine Frage zum Nikolaus. Sie können aber von mir aus auch Knecht Ruprecht nehmen oder den Gerichtsvollzieher oder meinen Nachbarn. Die Person ist nebensächlich. Mir geht’s ums Türklopfen. Klopft der Nikolaus an DER Tür oder an DIE Tür?

Antwort des Zwiebelfischs:

Beides ist möglich. Der Dativ („an der Tür“) ist die Antwort auf die Frage „wo klopft es?“, der Akkusativ („an die Tür“) ist die Antwort auf die Frage „wohin/worauf/wogegen wird geklopft?“

Geht es mehr ums Klopfen, dann zeigt man dies durch den Dativ an:

Es klopft an der Tür.
Man hört ein Klopfen an der Tür.
Minutenlang wurde wie wild an der Tür geklopft und gerüttelt.

Geht es mehr um die Person, die anklopft, oder um die Tür, an die geklopft wird, so wählt man den Akkusativ:

Jemand klopft an die Tür.
Er hatte an so viele Türen geklopft und war doch nirgends eingelassen worden.
Nur wer an diese Tür klopft, kommt auch hinein.

Der Bedeutungsunterschied ist allerdings minimal, oft wird er gar nicht wahrgenommen. Für den Nikolaus selbst spielt es wohl keine Rolle, ob er an die Tür klopft oder an der Tür. Hineingelassen wird er in jedem Fall.

Ein ähnliches Phänomen lässt sich übrigens bei Verben der körperlichen Berührung (schlagen, treten, beißen, schneiden u.a.) beobachten: Wenn der Nikolaus mir auf gut Deutsch eine langt, stellt sich die Frage, ob er mich (Akkusativ) ins Gesicht schlägt oder ob er mir (Dativ) ins Gesicht schlägt. Beides ist grammatisch möglich, wenngleich weder das eine noch das andere wünschenswert ist. Der Dativ ist in diesen Fällen allerdings häufiger anzutreffen.

Er trat ihn/ihm vors Schienbein.
Sie zog mich/mir an den Haaren.
Ich habe mich/mir in den Finger geschnitten.
Der Hund biss ihn/ihm ins Bein.

Bei unpersönlichen Subjekten steht fast ausschließlich der Dativ:

Der Wind peitschte mir (nicht: mich) ins Gesicht.
Die Sonne stach ihm (nicht: ihn) in die Augen.

Beim Verb „küssen“ (das ja ebenfalls eine körperliche Berührung bezeichnet) steht die geküsste Person im Dativ, wenn der geküsste Körperteil im Akkusativ steht, und sie steht im Akkusativ, wenn der Körperteil von einer Präposition begleitet wird: Erst küsste er ihr die Hand, dann küsste er sie auf den Mund. Dasselbe gilt für „lecken“: Erst leckte er ihr die Hand, dann leckte er sie am Hals.

(c) Bastian Sick 2005

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

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