Dienstag, 27. September 2022

Im Bann des Silbenbarbaren

Tragbarar FM radio_HP (Netto in Leipzig) © Uwe Meyer 04.11.2014_ipaM6k7e_f.jpg

Aus dem Silbensumpf hat sich ein Suffix erhoben, den deutschsprachigen Raum zu erobern. Und zwar bar jeder Rücksicht: Was früher unverwüstlich war, ist heute unverwüstbar, wenn nicht unkaputtbar. Produkte werden kaufbar, Entscheidungen akzeptierbar, Menschen erinnerbar. Der Siegeszug des Silbenbarbaren scheint unaufhaltbar.

Die Endsilbe -bar ist auf dem Vormarsch. Und im Moment sieht es so aus, als wäre ihr Vormarsch durch nichts aufhaltbar. Wie ein Heer grimmiger Orks rückt sie voran und nimmt ihren schwächeren Konkurrenten Lich, Abel und Sam brutal und rücksichtslos eine Bastion nach der anderen ab. Die Genannten sind nicht etwa Hobbits, sondern Suffixe.

Innerhalb kurzer Zeit ist die Macht der Silbe ins Unermessbare gestiegen. Sagen Sie noch „unerklärlich“ oder schon „unerklärbar“? Sind Vergangenheit und Schicksal für Sie unveränderliche oder unveränderbare Größen? Ist das Unaussprechliche für Sie bereits zum Unaussprechbaren geworden?

Wenn ja, dann befinden Sie sich möglicherweise im Bann des Silbenbarbaren. Dann hat er Sie erfolgreich auf seine Seite gezogen. Sie waren anscheinend fangbar. Nun sind Sie ihm dienstbar. Unaufhörbar.

Besonders starke Faszination übt der Barbar auf Politiker aus. Die haben nämlich festgestellt, dass ihre Sprache dynamischer klingt, wenn sie ihre inhaltsleeren Phrasen mit ein paar Bar aufpumpen. Dinge sind machbar, Risiken kalkulierbar, Forderungen verhandelbar und Reformen umsetzbar. Manches ist „ad hoc nicht entscheidbar“, und nicht jedes Problem von heute auf morgen „bewältigbar“, doch Solidarität jederzeit „leistbar“. Mit solch markanten, wie in Marmor gemeißelten Ausdrücken wirkt selbst der mickerigste Politiker noch wählbar. Stilistisch wird er allerdings zunehmend unertragbar.

Für „nicht akzeptabel“ sagt man heute auch gerne schon mal „nicht akzeptierbar“. Regierende halten Forderungen der Nichtregierenden in der Regel für „nicht diskutierbar“. Adieu, du schöne Endsilbe -abel. Wie wohl klangest du in unseren Ohren. Dein Niedergang ist äußerst blambar, aber offenbar unverhinderbar.

Judas mag käuflich gewesen sein, doch das ist Geschichte. Die Verräter von heute sind kaufbar! So wie jene Wahlstimme, die im Internet „ersteigerbar“ und „für 990 Euro sofort kaufbar“ ist. Kaufbar sind auch noch ganz andere Sachen. Zum Beispiel Algen. Die „Sächsische Zeitung“ zitiert einen Tiefseespeise-Experten mit den Worten: „Solche Algen sind bereits kaufbar und im deutschen Lebensmittelrecht zugelassen.“

Nichts gegen Kreativität in der Sprache! Dass Musik „tanzbar“ sein kann, hat man den Vor- und Nachsprechern der MTV- und Viva-Generation noch durchgehen lassen. Doch wenn die „Brigitte“ einen Seitensprung für „verzeihbar“ hält, hätte sie ebensogut „verzeihlich“ schreiben können. Und wenn die „taz“ eine Dreistigkeit für „unübertreffbar“ hält, muss die Frage erlaubt sein, warum es denn nicht „unübertrefflich“ heißen durfte. Und nicht zuletzt geht es um den Klang der Worte: Ein Wort wie „erübrigbar“ („Tagesspiegel“) klingt wie der berühmte Schrankkoffer, der die Treppe herunterpoltert. Ähnlich verhält es sich mit diesem Beispiel aus der „Frankfurter Allgemeinen“: „Der Sachverständigenrat hält indessen ein striktes Trennsystem, in dem dem Bund die Umsatzsteuer und Verbrauchsteuern, den Ländern die Einkommensteuer und Körperschaftsteuer zugewiesen werden, für nicht verwirklichbar.“ Und es poltert nicht minder, wenn die „Wiener Zeitung“ einen erfolgreichen Bühnenautor als „unbeschädigbar“ preist.

Grundsätzlich ist gegen Wörter auf -bar nichts einzuwenden; viele von ihnen sind sogar unentbehrlich. Doch eben nicht unentbehrbar. Wenn die Endung unkrautartig wuchernd anstelle anderer Silben tritt, natürliche Infinitive verdrängt und uns zu Wortschöpfungen verleitet, die unsere Sprache nicht braucht, dann sollte man alle Kraft zusammennehmen und das barbarische Suffix abschütteln.

„Unbedingt anzuraten ist aber der Versuch, sich positiv erinnerbar zu machen“, rät die „Stuttgarter Zeitung“ ihren wohnungsuchenden Lesern. Manch einer möchte aber gar nicht erinnerbar sein. Erinnernswert, das ließe man sich noch gefallen. Aber erinnerbar?

Die deutsche Sprache hat gegenüber anderen den Vorteil, dass man durch Zusammensetzungen ständig neue Wörter erschaffen kann – unser Wortschatz ist wie eine prall gefüllte Tonne bunter Lego-Steine, die sich immer wieder anders zusammenfügen lassen. Doch nicht jede Konstruktion ist sinnvoll. Und längst nicht jede hält der baupolizeilichen Prüfung stand. Manche verstößt gegen grammatikalische Prinzipien.

Eines dieser Prinzipien lautet, dass Adjektive auf -bar nur von transitiven Verben gebildet werden können. Transitive Verben sind Verben, die – im Unterschied zu intransitiven – ein Objekt haben können oder sogar benötigen.

Puristen wollen daher nicht einmal „unverzichtbar“ gelten lassen, da „verzichten“ nicht transitiv ist. Das Wort existiert allerdings schon seit dem 19. Jahrhundert und dürfte inzwischen als anerkannte Ausnahme der Regel gelten. So gesehen war übrigens die historische Behauptung, die „Titanic“ sei „unsinkbar“, nicht nur inhaltlich, sondern auch grammatikalisch unhaltbar.

Unglücklicherweise müssen Wirtschaftsjournalisten irgendwann beschlossen haben, dass das Verb „handeln“ transitiv sei, denn ständig liest man von „handelbaren“ Waren und Wertpapieren.

Die buntesten Blüten aber treibt der Sport. „Bochum unabsteigbar“, skandierten die Fans des VfL schon in den achtziger Jahren. Was einst eine spaßige Wortschöpfung war, wurde von der Presse derart häufig wiedergekäut, dass der Originalitätsbonus inzwischen restlos verbraucht ist. „Unabsteigbar“ stieg zum Lieblingswort der Bundesliga-Berichterstatter auf und lieferte die Vorlage für zahlreiche weitere sportsprachliche Offen-bar-ungen. Der „Kölner Stadtanzeiger“ attestiert einem Trainer, er sei „uneintauschbar“. Der „Tagesspiegel“ setzt noch einen drauf und verleiht einem Formel-1-Reporter das stolze Attribut „unbeleidigbar“. Hier herrscht die Endsilbenbarbarei völlig unhemmbar.

Es bleibt die Frage, wie lange die Macht des Barbaren erhaltbar ist. Denn schon hat sich aus dem schlammigen Morast des Silbensumpfs ein weiteres Suffix erhoben, um die Welt das Fürchten zu lehren. Es fällt über hilflose Verben und Verbalsubstantive her und geht mit ihnen groteske Verbindungen ein. Wozu es „fähig“ ist, zeigt es bevorzugt in Hauswurfsendungen und in Werbeprospekten: „Die Küche ist erweiterungsfähig“, verspricht ein Hersteller, „das Regal ist verstellfähig“ behauptet ein anderer, und ein Altkleidersammler bittet darum, „nur tragfähige Kleidung“ abzugeben. Autobahnfahrer, die rechts fahren und nicht zu schnell sind, sind „überholfähig“, und Politiker behaupten gern, das bisher Erreichte sei „verbesserungsfähig“. Das würde ja bedeuten, das Erreichte sei in der Lage, sich aus eigener Kraft zu verbessern! Wie wunderbar! Wozu brauchen wir dann eigentlich noch Politiker? Wie der Kampf der Silben ausgeht, bleibt abwartbar. Oder abwartungsfähig. Vielleicht haben wir es in ein paar Jahren mit akzeptierungsfähigen Entscheidungen zu tun, mit kauffähigen Produkten und erinnerungsfähigen Menschen.

(c) Bastian Sick 2004 / Foto: Uwe Meyer


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ erschienen.

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Ein Kommentar

  1. Avatar
    Kathrin Miethner

    Lieber Herr Sick,
    während einer Diskussion mit meiner Freundin über das Wort „unauswegbar“ recherchierte ich im Netz und fand Ihren hilfreichen Artikel über das Suffix bar.
    Bisher nannte sie mich oft wunderbar, was mir sehr gefiel. Jetzt jedoch meint sie, ich sei wunderlich oder wundersam – das gefällt mir nicht. Haben Sie einen Vorschlag, wie die Situation zu retten ist?
    Und wie sagt man denn nun eigentlich statt unsinkbar?
    Mit freundlichen Grüßen
    Kathrin Miethner

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