Mittwoch, 17. Oktober 2018
Home / Kolumnen / Fragen an den Zwiebelfisch / Was vom Apfel übrig blieb

Was vom Apfel übrig blieb

Die Vielseitigkeit unserer Sprache offenbart sich ganz besonders bei allem, was essbar ist. Und manchmal auch bei dem, was vom Essen übrig bleibt. Für einen abgenagten Apfel zum Beispiel, den man normalerweise achtlos wegwirft, hat das Deutsche mehr Begriffe, als es Automodelle auf unseren Straßen oder Zeitschriftentitel am Kiosk gibt. Lassen Sie sich in ein exotisches Randgebiet der Sprachforschung entführen und staunen Sie über die unerhörte Vielzahl von Wörtern für ein kleines Stückchen Biomüll.

Die deutsche Sprache steckt voller Wunder und Geheimnisse. Für manche Dinge oder Zustände hat sie kein Wort parat, so wie für das Gegenteil von „durstig“ zum Beispiel. Immer wieder fragen sich Menschen, ob es denn kein Pendant zu „satt“ gebe. Viel ist darüber bereits geschrieben worden, mehrere Wettbewerbe wurden ausgerichtet, Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Vorschläge wurden abgewogen – und wieder verworfen. Ein Wort für das Gegenteil von „durstig“ wurde bis heute nicht gefunden. Für andere Dinge hat unsere Sprache dann wiederum mehr Wörter parat, als man sich träumen ließe. Die letzte Obsternte hatte gerade begonnen, da stellte mir ein Leser die Frage, welche regionalen Begriffe für den Rest des Apfels mir bekannt seien. Also für jenes Gebilde aus Blüte, Stengel (neudeutsch auch: Stängel), Kerngehäuse und restlichem Fruchtfleisch, das vom Verzehr des Apfels (meistens) übrig bleibt und für gewöhnlich im Müll, auf dem Komposthaufen oder irgendwo im Gebüsch landet.

Als norddeutsches Gewächs war mir selbst bis dato nur die Bezeichnung „Griebsch“ bekannt. Doch schon eine interne Umfrage in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE förderte mehrere Varianten zutage. Ein Kollege aus Stuttgart rief mir „Butzen“ zu, ein Sportredakteur aus Hessen kannte das Wort „Krotze“, und einem Mitarbeiter aus dem Bildressort, einem gebürtigen Hamburger, kam spontan der Ausdruck „Knust“ in den Sinn. „Das sagt man doch zum Brotkanten“, wandte ich ein. „In Hamburg sagt man das auch zum Apfel“, beteuerte er. Später wurde mir dies von anderen Hamburgern bestätigt.

Ich befand, dass die Frage eine tiefergehende Untersuchung wert sei, und rief die Leser meiner Kolumne „Zwiebelfisch“ auf, mir per E-Mail ihnen bekannte regionale Begriffe für den Rest des Apfels zu schicken. Die Resonanz war überwältigend. Ein wilder Stier, der mit gesenkten Hörnern einen prallen Apfelbaum rammt, hätte nicht überraschter sein können, so prasselten die unterschiedlichsten, kuriosesten und noch nie zuvor gehörten Begriffe auf mich ein. Hunderte von E-Mails gingen in meinem elektronischen Postfach ein, es dauerte mehrere Tage, sie alle auszuwerten und auf ihren jeweiligen Kern, genauer gesagt: auf das jeweilige Kerngehäuse zu prüfen. Dabei war eine klare Tendenz festzustellen: Im Norden und im Osten dominieren die Ableitungen des Wortes Griebs, im Westen sind es Nüssel (mit weichem „s“-Laut) und Kitsche, in der Mitte Grutze und im Süden Butzen. Dazwischen aber gibt es mannigfaltige Variationen, die teils Abwandlungen der genannten Hauptformen sind, teils auf einen völlig anderen (Apfelbaum-)Stamm zurückgehen. Manche klingen putzig, andere ein bisschen eklig, was dem Charakter des Apfelrestes ja genau entspricht. Die größte Artenvielfalt in Deutschland bietet Nordrhein-Westfalen. Allein aus dem Siegerland wurden mir 17 verschiedene Begriffe gemeldet. Beeindruckend ist auch der Reichtum an Varianten, den man im Land der Schweizer finden kann. Das kann ich mir nur so erklären: Nachdem Wilhelm Tell den Apfel vom Kopf seines Sohnes geschossen hatte, stürzte ein jeder, der den Schuss mit angesehen hatte, auf den zerborstenen Apfel und nahm ein Stückchen an sich, um es zu sich nach Hause in sein Tal zu tragen und ihm einen eigenen Namen zu geben. Während sich die in Deutschland geläufigen Begriffe in männliche (der Griebsch, der Butzen, der Kitsch) und weibliche (die Kitsche, die Kröse, die Krotze) aufspalten, sind die Schweizer Varianten durchgehend sächlich (das Bütschgi, das Gräubschi).

Neben all den vielen Begriffen brachte die Erhebung auch noch die amüsante Erkenntnis mit sich, dass sich die „Zwiebelfisch“-Leser grundsätzlich in zwei Kategorien einteilen lassen: nämlich in diejenigen, die den Rest des Apfels wegwerfen, und diejenigen, die den Apfel vollständig aufessen. Viele Leser schickten mir auch gleich noch die in ihrer Region übliche Bezeichnung für die Brotrinde mit – auch für diesen Nahrungsrest scheint es eine erstaunliche Vielzahl von Begriffen zu geben. Dazu lohnt sich bestimmt einmal eine weitere Leserbefragung. Was für den Apfel gilt, gilt übrigens gleichermaßen für die Birne. Alle Bezeichnungen für den abgenagten Rest der Frucht lassen sich statt mit „Apfel“ genauso mit „Birnen“ zusammensetzen: Birnengriebsch, Birnenbutzen, Birnenkitsche und so weiter.

Immer wieder kam es vor, dass Leser mit Nachdruck beteuerten, die von ihnen genannte Bezeichnung sei die einzige, die in ihrer Region gebräuchlich sei, und kurz darauf traf eine weitere E-Mail aus derselben Region ein, die ein völlig anderes Wort als das einzige dort verbreitete ausgab. Mitunter wohnten die Absender nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Daraus kann man eigentlich nur folgern: Wir sollten mehr mit unseren Nachbarn reden!

Natürlich stellte sich auch die Frage, wie denn – neben all den vielen regionalen Formen – die „offizielle“ hochdeutsche Bezeichnung lautet. „Kerngehäuse“ ist zweifellos ein hochdeutsches Wort, aber es bezeichnet nur das Innere der Frucht. Griebsch/Butzen/Kitsche/Nüssel – oder wie immer man es nennen will – umfasst mehr: nämlich auch den Stengel (Stängel) und die Blüte. Die Antwort auf diese Frage lieferten die Leser gleich mit; sehr viele Zuschriften begannen nämlich mit Formulierungen wie „Bei uns sagt man zum Apfelrest auch …“ oder „Ein anderes Wort für den Apfelrest ist …“ Zahlreiche E-Mail-Schreiber aus den unterschiedlichsten deutschsprachigen Regionen haben es intuitiv niedergeschrieben, also könnte das Wort „Apfelrest“ als der gemeinsame hochdeutsche Nenner angesehen werden. Noch steht es zwar nicht im Duden, aber vielleicht findet es aufgrund dieser Untersuchung Eingang in die nächste Neuauflage.

Ich schließe mit einem Gedicht, das mir Leser Rudolf Kleinert aus Bad Reichenhall geschickt hat. Es stammt von dem Arnsberger Fritz Ottensmann, der es im Jahre 1946 bei der Abiturfeier in Wennigloh vortrug:

Adam und Eva

Sie aß vom Apfel erst das Beste,
geht mit dem Nüsel dann zum Mann
und dreht die kümmerlichen Reste
noch voller List dem Adam an.
Doch wo wären wir Männer heut ohne diese?
Nach der Bibel zu schließen im Paradiese.

In der nachstehenden Tabelle sind die Begriffe zusammengestellt, die mir die Leser zugeschickt haben. Sollten Sie eine Variante vermissen, so bitte ich um Nachsicht. Diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Sprachforschung zum Apfelrest ist ein unerschöpfliches Gebiet, das sicherlich ein ganzes Buch füllen könnte. Um es mit den Worten Fontanes zu sagen: „Ach, Luise, lass … das ist ein zu weites Feld!“

 

Schleswig-Holstein Apfelgriebsch, Gripsch, Grubsch, Gnatsch, Apfelknochen
Hamburg Appelknust, Krubber, Krobber, Krubs, Krobs
Niedersachsen
 Westniedersachsen, Bremen Apfelnürsel, Nüssel, Gnütschen, Kautz, Kabutz, Stummel, Hüske, Bolle
 Ostniedersachsen (Lüneburg) Apfelkautz, Patsch, Stummel
 Südniedersachsen (Hannover, Göttingen) Apfelgrips, Knutsch, Pietsche(n), Gnötzel
Nordrhein-Westfalen
 Ostwestfalen Appelnüssel, Nürsel, Hünkel, Mengel, Hunkepeil, Hunkepiel, Hünksel, Kinkel, Kröps, Strunk
 Münsterland Appelkröse, Krose, Kippe, Kitsche, Mengel
 Sauerland Appelnüssel, Nürsel, Hunkepiel, Schnüssel, Pik
 Siegerland Appelgrotze, Krotz, Maas, Marzel, Masel, Mäsel, Nesel, Nösel, Gritze, Grötz, Gröbsch, Grütz, Grebs, Gäiz, Kröps, Knost, Stronk
 Bergisches Land Appel(s)knüsel, Knürsel, Knösch
 Rheinland Appelkitsch, Kitsche, Nüssel, Nürsel, Krotz
 Ruhrgebiet Appelnüssel, Kippe, Kitsch, Kitsche, Krose, Kröse, Knössel
 Niederrhein Äppelknutsch, Keetsch
Mecklenburg-Vorpommern Apfelgriebsch, Griebs, Gripsch, Grubsch
Berlin/Brandenburg Apfelgriebsch, Grübsche
Sachsen-Anhalt Appelgriebsch, Griebs, Hunkhuus, Kaue, Knabbel, Knösel, Knust, Puul, Puler, Quase, Strunk(s)
Thüringen Apfelkrebs, Kriebs, Krüpps, Gröbs, Gröbst, Krötsch, Schnirps, Schnerps
Sachsen Abbelgriebsch, Griebs
Hessen
 Nordhessen Appelkrütze, Krips, Grips, Grütz, Knirbitz, Kriwwitz
 Südhessen Äbbelgrotze, Abbelkrotze
Rheinland-Pfalz
 Westerwald Äbbelkrützjer
 Trier Apelbatz, Batzen, Krutz
 Pfalz Abbelgrutze, Grutz, Grotze, Grotz, Krutze, Krutz
Saarland Abbelkrutz, Grutz, Gripsch, Gnutze
Baden-Württemberg
 Badisches Land Epfelbutzen, Butze, Butzge, Grutze
 Schwaben Eppelbutze
Bayern
 Oberfranken Apfelgrübs, Griebs
 Mittelfranken Apfelbutzen
 Oberpfalz Apfegruzl
 Oberbayern Apfebutzn
Sudetenland Äpplgrieabes
Schweiz
 Basel Bätzgi, Bätzi, Bütschgi
 Zürich/St. Gallen Bütschgi, Bitschgi, Bitzgi
 Bern Bätzi, Gigertschi, Gräubschi, Gröibschi, Gürbs(ch)i, Gütschi
Liechtenstein Öpflbotza
Österreich Opfibitz, Butz, Putzen, Purzen
Südtirol Apfelprobscht
Ostpreußen Apfelgriepsch, Krunsch
Schlesien Äppelgriebsch, Gryzek (dt.poln.)

 

(c) Bastian Sick 2004

 


Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2“ erschienen.

Lesen Sie auch:

Wie lautet die Einzahl von Geschwister?

Frage einer Leserin: Sehr geehrter Herr Sick, ich habe sechs Brüder, und es ist schon …

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *