Samstag, 21. Oktober 2017
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Leichte Sprache für alle?

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Seit mehr als zehn Jahren gibt es die „Leichte Sprache“ – eine famose Hilfe für Menschen, die nicht so gut Deutsch können. Weniger famos ist es, wenn plötzlich alle Bürger in „Leichter Sprache“ angesprochen werden, so wie bei den jüngsten Wahlen in Bremen der Fall. Andererseits muss man nur die Zeitung aufschlagen oder das Fernsehen einschalten, um festzustellen: Leichte Sprache ist längst ein fester Bestandteil unseres Alltags – oder: von unserem All-Tag.

Vor elf Jahren richtete die Bremer Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung das erste „Übersetzungsbüro“ ein, dessen Aufgabe darin besteht, Texte aus allen möglichen Bereichen so zu bearbeiten, dass Menschen mit Beeinträchtigungen, Lernbehinderung oder Leseschwierigkeiten sie verstehen können. Ein viel gelobtes Projekt, das Schule machte. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als 20 Einrichtungen, die Texte in sogenannte „Leichte Sprache“ übertragen. Etliche Publikationen sind in den vergangenen zehn Jahren erschienen, darunter auch eine leicht verständliche Fassung der Passionsgeschichte.

Darin heißt es zum Beispiel: „Sie kommen zu dem Ort, an dem Jesus sterben muss. Die Soldaten machen Jesus mit Nägeln am Kreuz fest. Die Nägel sind in den Händen und Füßen von Jesus. Jesus leidet sehr.“

„Leichte Sprache“ ist eine Sprache, wie man sie aus Bilderbüchern für Kinder im Vorschulalter kennt. Sie soll der Schlüssel sein, durch den Menschen, denen dies sonst schwer bis unmöglich wäre, Zutritt zu öffentlichen Informationen erhalten – und zum literarischen Volksschatz aus Bibelgeschichten, Sagen und Märchen.

Nach zehn Jahren sprang das Bundesministerium für Arbeit und Soziales auf den Zug auf und brachte einen Ratgeber zur „Leichten Sprache“ heraus, der speziell für Angestellte im öffentlichen Dienst konzipiert ist: für Mitarbeiter von Ämtern und Behörden, für Entwickler und Gestalter öffentlicher Internetseiten und für Organisatoren von Veranstaltungen, an denen Menschen mit Behinderungen teilnehmen.

Dass Ämter und Behörden von oberster Stelle dazu angehalten werden, in leicht verständlichem Deutsch zu schreiben, ist eine Sensation. Schon ohne den Zusatz „leicht“, also einfach nur „in verständlichem Deutsch“, wäre eine Sensation. Natürlich hat mich diese Broschüre neugierig gemacht, und weil jeder Interessierte ein Exemplar anfordern kann, habe ich mir den „Ratgeber Leichte Sprache“ zuschicken lassen. Neugierig schlug ich ihn auf.

„Vermeiden Sie Fremd-Wörter“, las ich dort, und: „Verzichten Sie auf Abkürzungen“. Beides fand sogleich meine Zustimmung, meiner Meinung nach sollte das nicht nur für den Umgang mit Lernbehinderten gelten.

Schreiben Sie kurze Sätze. Machen Sie in jedem Satz nur eine Aussage“, hieß es weiter. Der Satz „Wenn Sie mir sagen, was Sie wünschen, kann ich Ihnen helfen“ sei schlecht. Gut hingegen sei: „Ich kann Ihnen helfen. Bitte sagen Sie mir: Was wünschen Sie?“

Auf Seite 30 aber verschlug es mir den Atem:

Vermeiden Sie den Genitiv“, hieß es dort, gefolgt von einem Beispiel: „Schlecht: Das Haus des Lehrers. Gut: Das Haus von dem Lehrer.“

Nun war es also amtlich: Der Genitiv ist schlecht!

Das Vorwort des Ratgebers – ich korrigiere: das Vorwort von dem Ratgeber – hatte Ursula von der Leyen geschrieben. Mit der war ich mal zusammen in einer Sendung bei Beckmann. Da war sie eigentlich ganz nett. Wer hätte gedacht, dass die mir so in den Rücken fallen würde …

Und wenn schon der Genitiv ins Reich des Schlechten verbannt wurde, dann konnte es um den Konjunktiv kaum besser bestellt sein. Und richtig: „Vermeiden Sie den Konjunktiv“, lautete die nächste amtliche Empfehlung, wiederum mit einem Beispiel versehen: „Schlecht: Morgen könnte es regnen. Gut: Morgen regnet es vielleicht.“

Im Vorwort der Ministerin hieß es: „Ich würde mich freuen, wenn Sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung diesen Leitfaden nutzen und seine Ratschläge bei der Erstellung von Texten berücksichtigen.“ Da wurde ich sogleich stutzig, denn für eine Broschüre über „Leichte Sprache“ war das ein viel zu langer Satz. Noch dazu mit einem Höflichkeitskonjunktiv („würde mich freuen“). Wenn das nicht im Widerspruch zum Ratgeber stand!

Die „Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen“ tauchten übrigens noch mehrmals in der Broschüre auf. Wenn allerdings Einfachheit das oberste Gebot ist, hätte „Mitarbeiter“ genügt, die „-innen“ hätte man sich sparen können. Denn wo der Genitiv die Menschen überfordert, da wird die permanente Doppelnennung beider Geschlechter nicht gerade zum leichteren Verständnis beitragen.

Benutzen Sie einfache Wörter!“, rät die Broschüre weiter und nennt als Beispiel: „Schlecht: genehmigen. Gut: erlauben“. Da wird sich mancher Behördenmitarbeiter im Anschluss an die Lektüre wohl kräftig einen „erlauben“.

Besonders auffällig tritt die „Leichte Sprache“ bei Wortzusammensetzungen in Erscheinung, denn hier wird grundsätzlich zur Schreibweise mit Bindestrich geraten: Das Wörterbuch wird zum Wörter-Buch, die Tageskarte zur Tages-Karte und der Arbeitgeber zum Arbeit-Geber.

Auch wenn der Bindestrich das Wort um ein Zeichen länger macht und der zweite große Anfangsbuchstabe grafische Unruhe erzeugt, scheinen die Experten überzeugt, dass Wörter mit Bindestrich von Menschen mit Leseschwierigkeiten leichter zu erfassen sind als zusammengeschriebene Wörter. Nehmen wir das mal so hin.

Bei den Wahlen zur Bremer Bürgerschaft im Mai dieses Jahres wurden erstmals alle Unterlagen in „Leichter Sprache“ verfasst. Viele Bremer trauten ihren Augen nicht, als sie in ihrem Briefkasten ein amtliches Informationsschreiben fanden, auf dem sie in „Leichter Sprache“ angesprochen wurden. Da wurden Staatsbürger zu Staats-Bürgern und Stimmzettel zu Stimm-Zetteln. Und man las: „Sie haben 5 Stimmen. Das bedeutet: Sie dürfen nicht mehr als 5 Kreuze machen. Sie können weniger als 5 Kreuze machen. Zum Beispiel 3 Kreuze. Dann zählen nur die 3 Kreuze. Das bedeutet: Sie nutzen nicht alle Ihre Stimmen.“ Absenderin war die Bremer Wahlbereichsleiterin, die sich zum Entsetzen vieler vor aller Augen in „die Leiterin von dem Wahl-Bereich Bremen“ verwandelte. Von dieser Aktion hatten sich die verantwortlichen Politiker eine höhere Wahlbeteiligung und eine Senkung des Anteils der ungültigen Stimmen versprochen. Daraus wurde jedoch nichts, da man zwar die Sprache vereinfacht, dafür aber das Wahlverfahren komplizierter gemacht hatte. So war der Anteil der ungültigen Stimmen mit knapp drei Prozent fast genauso hoch wie bei der Wahl zuvor.

Die Bremer Regierung war sich bewusst, dass die Wahlunterlagen in „Leichter Sprache“ bei vielen Wählern auf Befremden und Unverständnis stoßen würden. In weiser Voraussicht hatte ein Sprecher des Innensenators geäußert, dass dies „für Teile der Bevölkerung zunächst noch gewöhnungsbedürftig erscheinen“ könne. Tatsächlich fühlten sich nicht wenige Bremer brüskiert, denn für sie hatte es den Anschein, als hielte die Landesregierung sämtliche Bremer für lernbehindert. Dass für die Übersetzung der Wahlunterlagen in „Leichte Sprache“ stattliche 50.000 Euro veranschlagt wurden, war ein weiteres Ärgernis. Und ein trefflicher Beweis, dass „einfach“ nicht zwangsläufig auch „billig“ bedeuten muss.

Der flächendeckende Einsatz „Leichter Sprache“ ist ein weiteres Beispiel dafür, was passiert, wenn der Staat versucht, Sprache zu politischen Zwecken zu instrumentalisieren. Es stellt sich aber noch eine andere Frage: Ist „Leichte Sprache“ tatsächlich gewöhnungsbedürftig? Vieles spricht nämlich dafür, dass „Leichte Sprache“ für den durchschnittlichen Leser, Fernsehzuschauer, Radiohörer und Konsumenten gar nichts Ungewöhnliches mehr ist. In zahlreichen Medien wird sie seit Langem praktiziert. Ein Vorreiter ist die „Bild“-Zeitung, die mit Überschriften wie

„Wahl-Betrug in Berlin“
„Spar-Plan für Leipzigs Bäder“
„Verkehrs-Minister will Bahngipfel“
„Schlamm-Schlacht gegen Gabriele Pauli“
„Laden-Dieb verprügelt Detektiv“
und
„Bus-Fahrer terrorisiert Rollator-Opa“

die Empfehlung „Trennen Sie lange Wörter mit einem Binde-Strich“ vorbildlich umsetzt. Werbung und Handel folgen ihr auf dem Fuße. In vielen Supermärkten scheint Zusammenschreibung im Sinne der deutschen Rechtschreibung nicht mehr zum Sortiment zu gehören. Stattdessen zeigt man, dass es sogar ohne Bindestrich geht, und bietet „Marken Butter“, „Toast Brot“ und „Blumen Erde“ an.

Da kann Ursula von der Leyen doch nur stolz sein. Selten wurde die Empfehlung eines Ministeriums derart bereitwillig befolgt.

Auch die Regel „Vermeiden Sie den Genitiv“ wird von den Medien treu beherzigt, wie die folgenden Überschriften zeigen, bei denen die Umschreibung mit „von“ eine ungewollte Komik erzeugt:

Erneut Schiff von Bremer Reederei gekapert“ („tagesschau.de“)
Ehefrau von Bankchef entführt“ („Stuttgarter Zeitung“)
Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut“ („Schweriner Volkszeitung“)
Mann wird bei Rede von Québecs Wahlsiegerin erschossen“ („WAZ“)
„Höhepunkt der ersten Halbzeit war der Schuss an die Latte von Beckham“. („Sat.1“)

Dass auch die Vermeidung des Konjunktivs gewissenhaft befolgt wird, steht außer Frage, denn welche Zeitung verstünde sich heute noch auf den Modus der Möglichkeit; welcher Redakteur traute sich noch, ihn anzuwenden?

Auch der an immer groteskeren Stellen auftauchende Apostroph spricht für den Sieg der „Leichten Sprache“ im Alltag, denn offenbar sind Schreibweisen wie „Die Profi’s für Ihr Haar“, „Nicht’s wie hin!“ und „Täglich Neue’s aus Oma’s Küche“ leichter zu lesen als die entsprechenden Versionen ohne Häkchen, sonst fänden sie wohl kaum eine derart starke Verbreitung.

Schlagen Sie die Zeitung auf, zappen Sie sich durch die Programmvielfalt, lassen Sie einen Block Fernsehwerbung über sich ergehen, und Sie werden feststellen: Leichte Sprache ist überall! Und wenn Sie noch Zweifel haben, gehen Sie ins Internet und lesen Sie ein paar Kommentare oder Tweets.

Ursula von der Leyen wurde inzwischen als Ministerin für Arbeit und Soziales von Andrea Nahles abgelöst, die für die jüngste Auflage des Ratgebers ein neues, aber sehr ähnliches Vorwort geschrieben hat. Wie es immer so geht in der Politik: Das Foto wird ausgetauscht, der Inhalt bleibt der gleiche. Von der Leyen kümmert sich jetzt um die Bundeswehr, die Zuwendung dringend nötig hat, denn viele ihrer Waffen und Fahrzeuge sind hoffnungslos veraltet und zum Teil nicht mehr verkehrstauglich. Vermutlich arbeitet die Ministerin bereits an einer neuen Broschüre mit dem Titel „Leichte Verteidigung“. Darin könnte es dann heißen: „Benutzen Sie einfache Transportmittel! Schlecht: Hubschrauber. Gut: öffentlicher Nahverkehr.“

(c) Bastian Sick 2015

Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 6“ (2015) und in „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 4-6 in einem Band“ (2016) erschienen.


Bilderstrecke: Leichte Sprache in Beispielen
Video: Wenn man könnte, wie man wöllte
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24 Kommentare

  1. Karsten Lohmann

    Bravo, lieber Bastian! Der Staat sollte in Bezug auf die Sprache nur eine einzige Aufgabe wahrnehmen: die Vermittlung vernünftigen Deutschs in der Schule. Das will ihm aber seit Langem nicht mehr recht gelingen. Stattdessen weicht er immer wieder auf sprachliche Nebenkriegsschauplätze aus – wie das Durchsetzen einer „gendergerechten Sprache“ an den Universitäten und jetzt einer „Leichten Sprache“ für alle. Zwei Diktaturen haben offenbar nicht gereicht, dass unsere Politiker erkennen: Lasst die Finger von der Sprache!

  2. Ich finde die Idee der „Leichten Sprache“ grundsätzlich sehr gut. Ich habe viele ausländische Arbeitskollegen, die nur wenig Deutsch sprechen und bei denen ich mich immer bemühen muss, leicht und verständlich zu sprechen. Von daher kann ich den Schritt, auch amtliche Schreiben und persönliche Gespräche zu vereinfachen, gut nachvollziehen, aber warum muss man das gleich auf die komplette Bevölkerung ausweiten? Ich denke, dass ist ein weiterer Schritt in Richtung Volksverdummung. Wenn man nun auch in Schreiben aus der öffentlichen Hand mit falschem Deutsch konfrontiert wird, hat das doch eher den Effekt, dass diese Schreibweise für richtig gehalten wird und man es in Zukunft selber falsch schreibt.

  3. Rainer Göttlinger

    Eine Aussage wie „Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut” erleichtert vor allem eines: das Missverstehen. Oder sollte unser oberster Repräsentant etwa unter die Diebe gegangen sein? Wer einen solcherart „leichten” Satz korrekt auflösen kann, wäre dazu auch ohne die „Erleichterungen” in der Lage gewesen.

  4. Klar, dass Ursula von der Leyen gegen den Genitiv ist. Sonst hieße sie womöglich nur noch Ursula der Leyen.

  5. Eine Art selbstgemachte leichte Sprache ist schon längst im Netz angekommen: die wahllose Groß- und Kleinschreibung und so zu schreiben, wie man „babbelt“.
    Verben und Adjektive werden groß-, Nomen hingegen kleingeschrieben, „seit“ und „seid“ vertauscht, und die Apostrophose ist auch bereits in amtlichen Schreiben angekommen.
    Forenbeiträge wie „ich Fahre seid Ein jahr ein Neuen Audi, der quitscht was kann dass Sein“ sind leider alltäglich und regen schon lange keinen mehr zur sachten Verbesserung an – zumal immer mehr Menschen, auch Urdeutsche, inzwischen so schreiben.

  6. Bruno Hartmeier

    Bravo, Herr Sick,
    endlich mal die amtliche Volksverdummung, hier am Beispiel der Sprache, auf die Schippe genommen.
    Ich weiß nicht, ob Engländer, Franzosen und andere ebenso mit ihrer Sprache umgehen. Für das „Volk der Dichter und Denker“ aber ist es ein Grauß, was mit unserer schönen Sprache angestellt wird.

  7. Karlheinz Path

    Mit diesem Artikel höre ich das erste Mal von dem Begriff leichte Sprache und der Tatsache, dass es diese tatsächlich gibt.

    Gehört habe ich dieses Hilfswerkzeug für Minderbemittelte schon oft in der U-Bahn, wenn sich Schüler unterhalten haben.

    Heute bleibt mir dies erspart, weil diese Schwachköpfe nicht mehr reden, sondern sich nur noch mit ihren Smartphones beschäftigen.

  8. Echt? Du fandest Frau von der Leyen damals nett? Sie hat sich nicht mal die CD richtig angesehen, die ihr ein anderer Gast der Sendung schenkte. Und zu Deinem Text über diese angeblich leichte Sprache stelle ich mir nur eine Frage: cui bono?
    Liebe Grüße aus Berlin!
    Bärbel

  9. Das berühmte Ruhrgebiets-Deutsch umgeht auch gerne solche sprachlichen Klippen und neigt von jeher zu einer Leichten Sprache: So überlegte man damals „auf“ Schalke, das Stadion nicht immer nur nach Spielern zu benennen, sondern auch einmal nach einer Frau. Da schlug jemand vor: „Den Ernst Kuzorra seine Frau seine Arena.“

  10. Ich beobachte schon seit langem, dass im Fernsehen ein
    komisches Deutsch gesprochen wird. In einer Gerichtssendung sagte die Verteidigerin:“ Ich möchte ihn beantragen, als Zeuge zu laden“.
    Ein bekannter Moderator sagte:“ jetzt fangen die auch noch sich an zu streiten.“
    Sehr oft hört man ungewöhnliche Formulierungen im Zusammenhang mit dem Wort „versuchen“.
    Statt zu sagen:“ Ich habe heute versucht, meinen Freund anzurufen“, sagt man, „ich habe meinen Freund heute versucht,anzurufen“. Ich halte das für merkwürdiges Deutsch.

  11. Ich beantrage einstweilige Erschießung für die Erfinder dieser leichten Sprache! Verzeihung von dieser leichten Sprache!

    Dass Politiker, egal welcher Couleur, Entschuldigung, egal von welcher Partei, in allen Bereichen von dem Leben (langsam gewöhne ich mich daran) ein allumfassdes Un-Wissen vorweisen können, haben Frau von der Leyen und Frau Nahles auch hier wieder bewiesen. Anstatt Vorwörter zu schreiben, hätten sie anordnen sollen, das Pamphlet einzustampfen!

  12. Hier wäre „der Genitiv der Wahrheit Tod“, denn –
    stünden die unten aus obigem Artikel wiedergegebenen Beispiele im Genitiv, hätte die so eindeutig dargestellte jeweilige Handlung der Reederei, des Bankchefs, vom Gauck (wer hätte das gedacht?), und der Wahlsiegerin Québecs nicht deren kriminelle Energie beleuchten können. Ein „Lob“ auf unsere gut recherchierenden, klar informierenden Medien!

    „Erneut Schiff von Bremer Reederei gekapert“ („tagesschau.de“)
    „Ehefrau von Bankchef entführt“ („Stuttgarter Zeitung“)
    „Sicherheitsbeamter von Gauck beklaut“ („Schweriner Volkszeitung“)
    „Mann wird bei Rede von Québecs Wahlsiegerin erschossen“ („WAZ“)

    Mit freundlichen Grüßen

  13. Claudia Hoffmann

    Sehr geehrter Herr Sick,
    ich arbeite seit mehreren mit sogenannten geistig behinderten Menschen zusammen und begleite in unserer Werkstatt unser Projekt „Schreib-Werkstatt“. Wie Sie am Bindestrich schon richtig erkannt haben geht es in diesem Projekt um die Leichte Sprache. Meiner Erfahrung nach ist diese für meine Mitarbeiter tatsächlich besser zu lesen und zu verstehen. Ich finde es wichtig, dass Texte so verfasst sind, dass sie auch von Menschen mit Einschränkungen verstanden werden.
    Dennoch teile ich auch an manchen Stellen ihre Kritik an der Leichten Sprache, z.B. bezüglich des Genitivs.
    Das wichtigste Prinzip der Leichten Sprache finde ich jedoch, dass die Menschen mit Einschränkungen die besten Experten in eigener Sache sind und somit die Überprüfung von Texten übernehmen sollten.
    In unserem Projekt werden selbst verfasste Artikel entwickelt (ich formuliere dies bewusst so, weil es ein Prozess ist, an dem viele Menschen beteiligt sind). Die Mitarbeiter recherchieren zu selbst gewählten Themen und schreiben, bzw. sprechen darüber bis ein Artikel fertig ist. Das beinhaltet lange Diskussionen über schwierige Wörter und Erklärungen für unvermeidbare Fremd- und Fachworte. Und fertig ist der Artikel erst, wenn alle verstanden haben, worum es geht!
    Leichte Sprache trägt zur Barrierefreiheit im Sinne der Inklusion teil und ermöglicht auch Menschen, die sprachlich nicht so gewandt sind die Teilhabe am öffentlichen Leben. Deshalb ist sie wichtig!
    Übrigens bestehen meine Mitarbeiter teilweise auf den Genitiv – sie finden „Papas Haus“ einfacher als das „Haus vom Papa“.

    Herzliche Grüße!

  14. Ein sehr aufschlussreicher und gut verständlicher Artikel, bravo! Der Euphemismus „leichte Sprache“ anstelle von „kaputter Sprache“ ist eine echte politische Meisterleistung und zugleich Offenbarung bezüglich des sachlichen Durchblicks unserer Minister (Verzeihung: von dem Blick durch die Sache von unseren Ministern und Ministerinnen). Die Verkaputtung des Deutschen erleichtert nicht die Kommunikation, sondern senkt vielmehr die Kommunikationsqualität, beschränkt die Nuancierbarkeit, und hebt auf dem Papier die Deutschnoten der nicht Deutsch Könnenden. Daher wurde vor 128 Jahren Esperanto nicht als Kaputt-Grammatik, sondern als Sprache mit eindeutigen, ausnahmefreien und daher leicht zu lernenden Formen für alle grammatischen Erscheinungen erfunden – inklusive des Genitivs, des Akkusativs, des Konjunktivs, des Konditionals usw. – zur Erleichterung der internationalen Kommunikation bei voller Aufrechterhaltung der Kommunikationsqualität.

  15. Hallo lieber Bastian, ich lese Sie sehr, sehr gerne, so viel vorab. 🙂

    Jedoch überkommt mich jedes Mal förmlich der Hass. Nein, nicht auf Sie, sondern die Medien und das, was mit unserer Sprache geschieht. Mir fällt es auf, anderen fällt es auf und selbstverständlich auch Ihnen. Und Sie schreiben sogar noch öffentlich darüber und es ändert sich… NIX.

    Ist das nicht traurig? Ja, das ist es, da gibt es für mich keine zwei Meinungen. Niemand ist perfekt, aber wir zerstören unsere schöne deutsche Sprache.

    Vor allem verstehe ich nicht, wie man mit so vielen Rechtschreibfehlern bei Medienunternehmen einen Job bekommt, bei denen man dann Facebook-Posts schreiben darf, die stets gravierende und augenkrebsverursachende Fehler enthalten.

    Irgendwas läuft leider wirklich gewaltig schief, wie ich finde. Machen Sie bitte weiter, am Besten größer, lauter und mehreren Menschen als Unterstützung! Danke!

  16. Michael Thiergart

    Dagegen setze ich diese 25 Regeln für gutes Deutsch:
    1. Eins der wichtigsten Motti: Benutzen Sie immer die richtige Pluralform.
    2. Die richtige Anwendung der Fälle hilft Sie, sich verständlich zu machen.
    3. Pronomina und Verben muss mit deren Bezugswort übereinstimmen.
    4. Kommata helfen den Satz, zu gliedern.
    5. Achten Sie darauf, das Sie dass nicht mit das verwechseln.
    6. Benutzen Sie Ausrufezeichen immer nur sehr fein dosiert!!!
    7. Üben Sie den Gebrauch des Spatiums( =Leerzeichen ) .
    8. Das e des zweiten Falles ist oft entbehrlich, ebenso im dritten Falle.
    9. Achtung bei Verben: Haben Sie die richtige Zeitform gesetzt gehabt?
    10. Kann man dieses durch das oder es ersetzen, sollten sie dieses tun.
    11. Es ist oft möglich, können, müssen usw. weglassen zu können.
    12. Zumtragenkommen von Kanzleistil ist zur Unterlassung zu bringen.
    13. Dass jeder Satz vollständig ist.
    14. Zusammen gesetzte Wörter muss man zusammen schreiben.
    15. Das gilt besonders für Haupt Wörter.
    16. Nur was nicht zusammengehört, ist getrennt zulassen.
    17. Auf Füllwörter kann man halt eben meist verzichten.
    18. Apostroph vor s ist im Deutschen meisten’s falsch.
    19. Welches ist ein Relativpronomen, welches heute altmodisch klingt.
    20. Zu viele Binde-Striche sind ein Stör-Faktor für den Lese-Fluss.
    21. Umgangssprache und Dialekt tun Sie besser vermeiden, woll.
    22. Entwickeln Sie avoiding strategies gegen unnötige Fremdwörter.
    23. Glauben Sie nicht, der Konjunktiv ist bereits ausgestorben.
    24. Mehrfache Verneinungen sollten Sie grundsätzlich nie keine benutzen.
    25. Prüfen Sie abschließend, ob in Ihrem Text noch fehlt.
    *** Keep in mind: Korekter Sprach Standart ist halt eben die beste Verständigung’s Grundlage !!!

  17. Peter Burtchen

    Die Leichte Sprache bei den Bremer Wahlbenachrichtigungen gipfelte bei den Anmeldungen zur Briefwahl darin, dass neben Namen, Straße und Wohnort auch die Post-Leit-Zahl anzugeben war.
    Wir Bremer haben es leidvoll zur Kenntnis genommen.

  18. José de Jesús García Ruvalcaba

    „Leichte Sprache“ hat „Simple English“ als Vorbild:
    http://simple.wikipedia.org

  19. „Leichte“ Sprache ist m.E. die falsche Bezeichnung für dieses „light“-Produkt; zutreffender ist „dünne“ oder „magere“ Sprache,
    da sie durch Verdünnung bzw. Abmagerung so viel Substanz verloren hat, dass man viele [Rumpf-]Sätze benötigt, um die Aussage eines einzigen normalen Satzgefüges zum Ausdruck zu bringen, – ganz abgesehen davon, dass sie sich schauderhaft liest.

  20. Walter Hesekiel

    Leichte Sprache ist da sinnvoll, wo wichtige Informationen möglichst allen Menschen vermittelt werden sollen. Man darf nur nicht meinen, man müsste so einfach formulieren, wie die Zielgruppe sich selber äußert. Die meisten Menschen verstehen weit Komplizierteres, als sie selber formulieren können.
    Ganz unsinnig wird es, wo Sprache mehr will als informieren. Es gibt zwar Lieder, die schlicht daherkommen und trotzdem anrühren. Andere Texte sind absichtlich rätselhaft und geheimnisvoll, und würden durch leichte Sprache nur verdorben.
    Das Beispiel der „einfachen Passionsgeschichte“ ist typisch: Das schwierige Wort „kreuzigen“ bedeutet eben mehr als „mit Nägeln festmachen“. Die Nägel „sind“ auch nicht in Händen und Füßen, sie werden da hineingeschlagen. Müsste man nicht fortfahren „das tut furchtbar weh“, statt „Jesus leidet sehr“?
    Da Kreuzigungen nicht mehr zu unserer Alltagserfahrung gehören, kann es eine „leichte Passionsgeschichte“ gar nicht geben. Es kann keinen Text geben, der in gleicher Kürze einem heutigen Leser gleich verständlich ist wie den Erstlesern. Eine ähnliche Erfahrung machen Prediger, die biblische Geschichten im heimatlichen Dialekt vortragen und auslegen. Es gibt Texte, die sich wunderbar eignen, andere aber überhaupt nicht. Was von der Sache her nicht leicht ist, kann durch leichte Sprache nur versimpelt, vermurxt und verhunzt werden.

  21. 1a, besser kann man diesen Murks kaum kommentieren.
    Meint der zu den oben genannten entsetzten Bremer Wählern gehörende
    Horst Hänel

  22. Selten so gelacht! Gleichzeitig eine erschütternde Entwicklung.

    Gibt es sowas auch für andere Sprachen? Das lässt sich ja viel „leichter“ lernen, denn wenn andere kein richtiges Deutsch lernen müssen um sich angemessen zu verständigen, warum sollte man dann andere Sprachen „richtig“ lernen? Das wird in Zukunft womöglich viel Spaß machen nur noch „Robotisch“ zu reden.

  23. Ich stimme Herrn Sick im großen und ganzen zu. Ganz schlimm, aus seiner speziellen Sicht, ist natürlich, daß der Genitiv vermieden werden soll. Das geht natürlich ganz und gar nicht.
    Auf dem Tod „von dem“ Genitiv durch den bösen Dativ basiert ja sein bekanntes Buch:
    „̶s̶̶Sc̶̶h̶̶m̶̶e̶̶i̶̶ßt d̶̶e̶̶n̶̶ ̶̶Ge̶̶n̶̶i̶̶t̶̶i̶̶v̶̶ ̶̶i̶̶n̶̶s̶̶ ̶̶Wa̶̶s̶̶s̶̶e̶̶r̶̶,̶̶ ̶̶w̶̶e̶̶i̶̶l̶’̶s̶̶ ̶̶d̶̶a̶̶t̶̶i̶̶e̶̶f̶̶ ̶̶i̶̶s̶̶t̶“„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“.
    (Besonders nach der Präposition „wegen“.
    vgl dazu: http://www.belleslettres.eu/content/genitiv/wegen-genitiv-dativ.php)
    Als Süddeutscher fällt es mir natürlich leicht auf den Genitiv zu verzichten. Bei uns gibt umgangssprachlich keinen, es gab ihn auch nie.
    ̶Tr̶̶o̶̶t̶̶z̶̶d̶̶e̶̶s̶̶s̶̶e̶̶n̶ Trotzdem lese ich den Zwiebelfisch sehr gerne und erlaube mir

    vieleGrüße

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